Karteikarten
Kulturpsychologie
Karten in diesem Stapel (51)
- 1Was bedeutet der Begriff Kulturpsychologie?= umbrella term für Spektrum von Forschungsansätzen, die sich vom aktuellen Hauptstrom der Psychologie in forschunglsogischen & methodologischen Punkten unterscheiden
- 2Jede Kultur tickt anders...- Sitten, Gebräuche, Geschichten, narrative Strukturen, Werte: erstrebens- und verachtenswert, Bestattung, Nahrung, Tabus, Erziehung, Kindheit
- VÄ auch in der eigenen Kultur - 30/40 Jahre jünger => anderer Menschentypus
- starke Variation der psychischen Funktionen
- zentrales Interesse der Kulturpsychologie = kulturell, historisch bedingte US - 3Was ist die starke Variation der psychischen Funktionen?= prinzipielles Problem für eine nomothetische, nach universellen Gesetzen strebende Wissenschaft (Gesetze unterliegen keiner Entwicklung)
- 4Was waren Wundts wissenschaftlicher Anteil an der Völkerpsychologie?- Monumentalwerk mit 10 Bänden zur VP (1900)
- VP Abteilung am Institut kurz vor Abtritt (1903) => Impulse nicht besonders wirksam
- "höhere psychische Funktionen"
- Materialcorpus - 5Was sind "höhere psychische Funktionen"?= Vorstellungen, Mythen, Moral, Rituale,... alles was sprachlich & symbolisch vermittelt ist, alles sinnhafte
- Untersuchung mit nawi-experiment. Mitteln nicht möglich - 6Was ist der Materialcorpus?= weltgeschichtlicher Tableau um die Systematik der Entwicklungsgeschichte des Seelischen (den Weg zu unserer heutigen Bewusstseinsstruktur) zu rekonstruieren
(Landwirtschaft, Domestikation von Tieren, Techniken und Wirtschaftsform, ... - überschätzt Zielgerichtetheit - 7Wie entwickelte sich der Volksgeist über verschiedene Kulturstufen?- primitive Kultur
- Sippen- und Stammeskultur
- nationale Kultur (zielgerichtet auf europäische, dt- Menschentypus = Eurozentrismus)
heute: Teleologie => keine Zielgerichtetheit, sondern Selbstläufer - 8Was war die patriotische Hintergrundstimmung der 70er und 80er?- heutige Auffassung = deutschtümelnd verstanden
- Spätwerk wurde nicht weit rezipiert (Jüttemann versucht gegenwärtig die Wiederbelebung) - 9Allgemeine experimentelle Individualpsychologie vs. Völkerpsychologie - AEI- unmittelbare Sinneserfahrung des subjektiven Bewusstseins
- einzelnes isoliertes Individuum; individuo-zentrisch
- nicht in eine sinnhaft verfasste Welt eingebettet; blanke Erfahrung
- Kritik: Entkleidung des Individuums; einzelne Befunde = Durchschnittswerte - 10AEI vs VP - VP- psychische/seelische Vorgänge, die an das Zusammenleben der Menschen gebunden sind
- kollektiv-seelisch; Volksgeist, Volksseele
- höhere seelische Vorgänge und Prozesse (=Erscheinungen des geistigen Zusammenlebens)
- Experiment nicht brauchbar für höhere Funktionen - 11Wer war Alexandr Luria?- russ. Psychologie im 20. Jhdt.
- "die historische Bedingtheit individueller Erkenntnisprozesse"
- begegnet Vigotskij
- Berufs- und Publikationsverbot für russ. kh. Schule => muss Dozentenstelle aufgeben
- Medizinstudium - Sanitätsoffizier - Reha von Hirnverletzungen
- Tod Stalins: Luria kann publizieren, jedoch nur np; nicht kp - 12Was war der historische Hintergrund zur Zeit Lurias?- Chaos im akade. System nach Oktoberrevolution 1917 => selbstgesteuertes Bildungsprogramm
- Amerika (McCathy-Ära) => starke Vorbehalte gegenüber allem, was aus Sowjetunion kam; v.a. nicht-individ. und materalistische Psychologie - 13Wann erschien "die historischen Bedingtheit individueller Erkenntnisprozesse" und von was handelt es?- Publikation 1977
- individ. Erkennen von Kräften & Umständen mitbedingt, die außerhalb des Indiv. liegen = von zeitlichen, historischen Umständen bedingt (indiv. Erkennen wirkt zuerst individuell) - 14Wie war die Situation vor der russischen Revolution?- Naturalwirtschaft, Analphabeten, Einfluss Islam, Frauen eingeschränkt, Klassenherrschaft
- 15Was änderte sich durch die sozialistische Revolution (Beseitigung der Klassenherrschaft)?- Unterdrückte - freie Existenz
- genossenschaftliche/ zwangskollektivierte Landwirtschaft
- aufkommende Industrie => neue Formen der gesellschaftlichen Tätigkeit (kollektive Arbeitsplanerörterung, Verteilung der Wirtschaftsfunktionen = Spezialisierung)
- Schulen: Lesen, Schreiben, Zahlen => neue Kulturelemente v.a. Medium der Schrift!
- Abstraktion, zeitliche Verbindlichkeit
- Interdependenzketten größerer Gruppen => Koordination, Planung
- weg vom praktischen Denken hin zur Theorie der Arbeit (Umstrukturierung des Bewusstseins) - 16Welche Vergleichssituation gab es nun in den Feldstudien von Luria in Usbekistan?- keine Schulbildung - Analphabeten, Naturalwirtschaft, ...
- wenig Schulbildung - Kolchosen (große landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft)
- ausführliche Schb. - Fachschulen,... - 17Was war die Bedingung bei der Forschung keiner Schulbildung?- Anpassung an Gegebenheiten der Dörfer (Experiment funkt n.)
- sensible Feldforschung, guter Kontakt, verschachtelte Aufgaben, zwanglose Settings (Gruppengespräche)
- Aufgaben im Denkbereich: Schlussfolgern & Klassifikation anschaulicher Gegenstände => Lösung aufgrund praktischer Erfahrung oder abstraktem Wissen (anschauliches vs. logisches Lösen) - 18Was ist die Zone der proximalen Entwicklung?- proximal = näher zur Körpermitte
- um das fixierte Können herum ist eine Zone höherer Aufgabenschwierigkeit => keine Möglichkeit zur Bewältigung ohne (kleine) Hilfestellung (=Mutter, Forscher, ...) - 19Was ist nun der Kerngedanke bzw. das Fazit aus Lurias Feldstudien?- Entfaltung von Denken, Fühlen, VH & Erleben unter jeweils spezifischen historischen, sozial praktischen Kontexten und Bedingungen
- Grundproblem bei nawi/ ahistorischer Psychologie - 20Was ist das Grundproblem naturwissenschaftlicher/ ahistorischer Psychologie?- Isolation aus Historischem & Praktischem ZSH: Phänomen verflacht/verfehlt
- auch elementare psychische Funktionen (Klassifikation von Gegenständen) folgt keinen universellen Gesetzen => großer US zum Hauptstrom der Psychologie: verfolgen keinen universellen Ansatz - 21Lurias´ Fortschrittsoptimismus- Übergang vom situativen zum abstrakten Denken = Fortschritt (psychische Kosten?)
- "Fortschritt" = Beschreibung des Sieges durch Sieger
- heute: Dokumentation der unterschiedl. Formen von Denken, ... ohne davon auszugehen, dass es Fortschritt/ bestimmtes Ziel gibt - kein besser Urteil
=> Gefahr der Abwertung anderer Kulturen als primitiver als eigene (Bewertungsreflex) - 22Selbstreflexion Reneé Descartes- zunächst Schockiertheit über Eigenartigkeit fremder Bräuche
- dann: Weisheit liegt jenseits dieses Staunens über die Merkwürdigkeit => Staunen über eigenen Gewohnheiten = über Tellerrand der kulturellen Suppe blicken, in der wir schwimmen - 23Wer war Richard Nisbett?- University of Michigan
- Vertreter der Mainstream Psychologie
- Forschungsaufenthalt an Uni Peking & asiatische Kollegen (China, Korea, Japan)
- Konvertierung zum Kulturpsychologen
- Psychological Review 2001: Zusammentragung von Studien, inwiefern versch. Kulturen sich kognitiv bzgl. Informationsverarbeitung unterscheiden - 24Was ist die Mainstream Psychologie?Annahme, dass bei allen Erwachsenen die kognitiven Basisprozesse gleich ablaufen = Kategorisieren, Lernen, induktives/ deduktives Schließen, Verständnis von Kausalität, ...
- 25Was untersuchten Masuda & Nisbett mit ihrem Aquariumexperiment?- Japaner vs. Amerikaner: was sehen sie?
- A: zentrales Objekt, Hauptdarsteller
- J: Antwort mit Referenz zum Kontext
- Wiedererkennungsaufgaben auf verändertem/ keinem Hintergrund =>
A: keine VÄ; J: schlechte Wiedererkennung
- Schluss: jap. Wahrnehmung = Feldwahrnehmung: Verbindung von Objekt und Hintergrund - 26Was untersuchten Theodora Abel und Francis Hsu 1949?- Schweizer H. Rohrschach: Rohrschach-Tafeln/ Formdeuteverfahren/ Tintenklecksverfahren = projektives Testverfahren
- geb Chinesen: mehr Ganzantworten
- Chinesen geb A: mehr Ganzantworten = holistisch
- geb A: eher Teilantworten = analytisch - 27Welche Unterschiede gibts im Denk- und Wahrnehmungsstil?holistisch & analytisch
- 28Was ist der holistische Stil?- Aufmerksamkeit liegt am Feld als Ganzes
- Bez zw. Objekten und Feld
- Erklärung & Vorhersage erfolgt anhand Erfahrung und Beziehungen
- assoziativ, dialektisch, kreisend, andeutend, pragmatisch = sachbezogen, weniger abstrakt
- an Ähnlichkeit/ Erfahrung und nicht an formalen Regeln orientiert
- Inderdependentes Selbstverständnis, kollektivistische Orientierung - 29Was ist der analytische Stil?- Aufmerksamkeit auf isolierten, aus Kontext gelösten Objekten
- spezif. Attribute => abstrakte Kategorien
- Erklärung & Vorhersage anhand formaler Regeln
- abstrakt, symbolisch, logisch
- an logischen Regeln orientiert & n. an konkreter Erfahrung
- unabhängiges Selbstverständnis, individualistische Orientierung - 30Wie sehen sich außereuropäische/ -amerikanische Menschen?- sehen sich selbst als Teil des Feldes/ Systems
- kollektivistisch orientiert, interdependentes Selbstverständnis
- Aufeinander-Bezogenheit; in-group (Familie); soziale Gesamtsituation berücksichtigen
- in andere hineinversetzen - 31Wie sehen sich euroamerikanische Menschen?- v. ökolog. Umwelt unabhängiges Selbst
- individualistisch, eigen Motive
- egal, was andere denken; nichts berücksichtigen, was nicht explizit ausgedrückt wurde
- schlechter/ nicht ständig in andere hineinversetzen - 32Woher kommen diese Unterschiede? - Nisbett & kh Schule- Formen der Praxis => individualistische Kulturen; Ökonomien - Jagd, Fischfang, Handel (Einzelpersonen/ Kleingruppen)
- Rückführung der US Denkstile => kh Schule: aktuelle sozio-ökon. Praxis; Nisbett: Formationszeit der Kulturen
(Griechenland und China) - 33Wie waren die frühen Griechen?- individualistische Ökonomie; Fischerei, Jagd, kleine Viehzucht
- selbst verantwortlich, geringe soziale Komplexität, individuelle Freiheit
- dezentrale Kleinstädte - freier Ortswechsel, keine starke zentrale politische Autorität
- individualistisch - 34Wie waren die frühen Chinesen?- Reisanbau (Bewässerungssystem, ...)
- hoch organisiert, Koordination großer Menschengruppen, Harmonie wichtiger als pers. Verantwortung, komplexes starkes soziales Netz
- Zentralmacht (Kaiser), Festgebundenheit am Ursprungsort
- holistisch/kollektivistisch - 35Was ist die Kritik an Nisbetts Ansatz zur Formationszeit?- Überschätzung der Direktheit des Zsh Ökologie & Mentalität
- kausale Kette ist komplexer
- zu undifferenzierte Dichotomie: Griechen (=alle westl.?) und Chinesen
- langfristige Kontinuitätszsh zw. Mentalität der alten Griechen und heute nicht belegbar - 36Zur Transmission kultureller Muster- amerikan. Mutter: benennt Objekte, Hinweise auf Primäreigenschaften; Sprache: Hauptworte wichtig
- jap. Mutter: soziale Praxis; Sprache: Verben wichtig - 37Was ist die Theorie des linguistischen Relativismus / Sapir-Whorf-Hypothese (Mitte 20. Jhdt.) ?- untersch. Sprachen - untersch. Weltanschauung
- determiniert durch untersch. Sprachstrukturen
- dt: Subjekt - Prädikat - Objekt => verlangt nach aktiv Handelndem und Erleidenden; verlangt zeitl Festlegung
- jap: keine zeitl. Festlegung, aber Status der handelnden Person wichtig
- Jerome Bruner: Sprache/ Kultur erwirbt uns - 38Was besagt die Medientheorie?- Sprache = wichtigstes Medium des Menschen
- Erweiterung vor ca. 2500 Jahren durch die Schrift - 39Was besagt Marshall McLuhans Understanding Media (1964)?- Botschaft wird n. im Medium transportiert, steckt n. in seinen Inhalten => geht vom Medium selbst aus
- geht n. darum WAS wir empfangen, sondern DASS wir empfangen - formieren uns, jenseits unserer Bewusstheit - 40Was ist die Botschaft des Mediums?- Veränderung des Maßstabs, Tempos, Schemas, die es der Situation des Menschen bringt
- 41Was ist die Botschaft der Schrift?- Veränderung der räuml.-zeitl. Relevanzstrukturen
- präzise Bezugnahme auf andere & Kontrolle des eigenen Denkens und Argumentierens => wiederholbar & überprüfbar
- Selbst-Begegnung/Kontrolle und Reflexion (Tagebücher)
- Betonung des Visu, Trennung des Sinns von den Sinnen (akustisch -> visuell)
- Traditi (mündl & schriftl Überlieferung) - 42Was macht die Schrift aus?- Fernintelligenz, visuell
- beobachten
- agieren ohne reagieren (eingeschr. Mögl.); objekt. Abstand von Gefühlen
- pro: Gefühle unterdrücken, handeln oh. Mitbeteiligung (eher ironisch v. McLuahn)
- contra: Untergang empathischer Qualitäten - 43Was macht die Sprache aus?- Nah-/Situationsintelligenz, akustisch
- Teilhaben
- Handeln und reagieren gleichzeitig; in Situationen eingebettet; Tonfall, rhetorisch, inhaltlich
- pro: Empathie und Mitbeteiligt-Sein - 44Welche Schriftsysteme gibt es?- ideographisch: Zeichen repräsentieren Vorstellungen
- phonographisch: Zeichen repräsentieren Sprachlaute => Silbenschriften, Alphabete (Konsonantenalphabete, Vokalalphabete) - 45Was sind Merkmale von ideographischen Schriftsystemen?- Bedeutungseinheiten (Morpheme), z.B. Piktogramme (Bildzeichen), Ideogramme (Symbole)
- unabhängig vom Sprachstrom; werden von mehreren verstanden (Bsp. arabisches Zahlensystem)
- direktere Verbindung von Zeichen und Erfahrung; wichtigste = chinesisch (allweltliche Assoziationsform)
- untersch. Dialekte - eine Kommunikationsplattform - 46Was sind Merkmale phonographischer Schriftsysteme?- Transkription des sprachl. Lautstroms (Phoneme) durch abstrakte Zeichen (rein phonemischer Wert)
- konkrete, aussprechbare Laute (Silbenschrift) Segmente von Sprachlauten (Phoneme) - Konsonanten der Alphabete
- Schriftzeichen = visuelle Repräsentation von akustischer Repräsentation = Repräsentation (hoch 2) - 47Wer war Derrick de Kerckhove und was untersuchte er?- Leiter des McLuhan Centers in Toronto: "Leistungsprofil" griech. Vokalalphabets
- 48Was für eine Sprache hatten die Griechen nach Übernahme des Konsonantenalphabets von Phöniziern?- Vokale fehlen = felxional
- starke Rolle der auditor Komponente (Aussprache) & Kontext (nur Insider verstehen; Prophet Daniel, Priester)
- Einführen von Vokalen => Kontextwissen irrelevant, da volle Repräs des Lautstroms (Vokale = lexikalisch) - 49Wie entwickelte sich das Vokalalphabet?- Software des Abendlandes: kann Ebene d. Repräs verfallen & Wahrheit erkennen
- läuft parallel zur Sprache (kennt sie, braucht sie aber nicht)
- Lesen & Schreiben sind private Erfahrungen, Einzellesen, Autodidakten
(Text = Lehrer, keine Interpretationsvorgaben)
- Solipsismus -> individu. Mentalität - 50Was ist der heimliche Lehrplan des Vokalalphabets?- Abwendung von primären, multisensor Erfahrung = Ent-Sinnlichung des Geschriebenen
- Unterdrückung der n.vis. Qualität von Kommunikation
- Verlust n.-verschriftl. Sprachanteile (Intonation, Gestik, Rhythmik) - konzeptioneller statt ästhetischer Sinn
- Sinn wird selbst referentiell (brauche keine anderen Leute oder Sinne)
- Austausch von Sinnen für Sinn => Wahrnehmung gegen Konzept
- Beobachterdistanz statt Situationsbezogenheit - 51MERK- individualistische Mentalität - alphabetic mind
- alphabetic mind - Dekontextualisierung <- Leistungsprofil -> pictorial mind (chines.)
Informationen
- Beschreibung
- VO zu Kulturpsychologie von Thomas Slunecko
- Erstellt von
- Miriam Brunner
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