Karteikarten
Klinische Neuropsychologie - Anosognosie
Karten in diesem Stapel (16)
- 1Anosognosie= durch Hirnschädigung bedingtes Nichterkennen von Krankheit
-Erstmals von Monakow (1885) beschrieben, Anosognosie als Begriff durch Babinski (1914) eingeführt
-Betrifft Einschränkungen, die durch Gehirnläsion hervorgerufen wurden (meist Hirninfarkt) und potenziell auch wahrgenommen werden können (z.B. Hemiparese) - 2Anosognosie der kortikalen BlindheitBeispiel:
Patient mit kortikaler Blindheit (Bilaterale Schädigung des Okzipitallappens ) und Aphasie (Schädigung des Temporallappens)
=> auch Anton-Syndrom genannt
Verhalten sich, als wäre keine Einschränkung vorhanden unter Versicherung, alles sehen zu können - 3Lokalisation der Anosognosie kortikaler BlindheitBilaterale Läsionen des Okzipitallappens
=> meist durch Embolie der arteriae cerebri posteriores
Seltener nach:
-Peripherer Schädigung der Sehbahn
-Bilateraler Optikusatrophie
-Bilateraler traumatischer Optikusneuropathie
-frontale Hirntumoren
Anosognosiepatienten weisen zusätzlich zur Sehstörung entweder eine räumliche und/oder zeitliche Desorientiertheit auf - 4Anosognosie der HemianopsieLokalisation:
-Keine charakteristische Läsionslokalisation bzgl. des Auftretens der Anosognosie, allerdings größere Läsionen als Vergleichsgruppe ohne Anosognosie
-V.a. bei Läsionen im Bereich der hinteren Sehbahn und im bereich von V1 - 5Anosognosie der Hemiparese/-plegie-Patienten sind von Bewegungsfähigkeit überzeugt, sagen sie hätten "nur gerade keine Lust darauf"
-Bei Bewegungsaufgaben von erfolgreicher Ausführung überzeugt => disturbed sence of agency
Allgemein:
Patienten haben Ausreden/ignorieren Hinweise auf Funktionsausfall oder erkennen ihn gänzlich nicht
Abgeschwächte Form:
Anosodiaphorie ("Herunterspielen" der Funktionseinschränkung) => pathologische Indifferenz gegenüber der Erkrankung
Häufig mit Störung des Zugehörigkeitsempfinden der betroffenen Extremitäten einhergehend (disturbed sence of ownership)
Zwei Schweregrade:
=> Studie mit großer Stichprobe:
-92% hatten diese Störung neben der Bewegungsunfähigkeit, von denen
27% sagen Extremität gehöre dem Befrager
9% sagen Extremität gehöre dem Bettnachbarn
= beides Somatoparaphrenie (Zuordnung der eigenen Extremität zu einer konkret anderen Person)
45% sagen Extremität gehöre nicht ihnen, jedoch keinen konkreten Besitzer angeben
= Asomatognosie (keine Zuordnung der eigenen Extremität zu einer Person)
=> Patienten versuchen teils, die "fremde" Extremität aus dem Bett zu schieben - 6Lokalisation der Anosognosie von Hemiparese/-plegie-10% der Schlaganfallpatienten weisen Anosognosie einer Hemiparese-/plegie auf
=> Häufiger nach rechtshemisphärischen Läsionen
-89% dieser Patienten geben keine Schwächung nach Wanda-Test rechtsseitig an, linksseitig nur 49%
Anosognosie für Hemiparese/-plegie tritt typischerweise mit ausgedehnten Infarkten der rechten Hemisphäre auf. Entscheidendes Areal scheint die rechte Inselregion zu sein; selbst kleine auf diese Struktur beschrängte Infarkte können die Symptomatik hervorrufen. - 7Typische Läsionen für Hemiparetische/-plegische Anosognosie-Große frontotemporale Läsionen im Versorgungsbereich der Arteria cerebri media
-Ebenfalls prämotorische, parietemporale und medial-temporal gelegene Schädigungen
-Rechter insulärer Kortex für das Erkennen von Extremitätenbewegungen und Wahrnehmung der Zugehörigkeit einer Extremität zum eigenen Körper entscheidend
-Steigende Aktivierung der rechten posterioren Insula bei steigendem Bewegungsempfinden
Untersuchung gesunder Probanden:
Rubber-hand-illusion im PET-Scanner
=> gesteigerte Aktivierung der rechten posterioren Insula und des rechten frontalen operculums (Aktivität korreliert mit Zugehörigkeitsgefühl)
-rechte Insula wichtig zur bewussten Körperwahrnehmung => Insulärer Kortex als polymodale Integrationszone für Selbstwahrnehmung entscheidend (evtl. Entstehung des Bewusstseins) - 8Selektivität der AnosognosieKann auch bei multimodalem Funktionsausfall nur eine Funktion betreffen
Erklärungshypothesen:
1. Störungen der Informationsaufnahme und -weiterleitung
2. Psychologisch-psychodynamische Theorien
3. Entdeckungstheorien
4. Störungen neuronaler "Bewusstseinssysteme"
5. Störungen motorischer Planungs- und Kontrollprozesse - 91. Störungen der Informationsaufnahme und -weiterleitung: SensibilitätAnnahme Babinski:
Für Auftreten der Anosognosie für Hemiparese/-plegie ist Verlust der Sensibilität (v.a. Tiefensensibilität und Lagesinn) von entscheidender Bedeutung, da afferente Information über bewusstes Wahrnehmen entscheidet
Feedback-Hypothese:
Bei Unvermögen Aufmerksamkeit auf die betroffene Extremität zu richten, führt Sensibilitätsverlust zu einem Nicht-Beachten dieser/der Einschränkungen
Kritik:
Nur schwacher Zusammenhang zwischen einer Sensibilitätsstörung und Vorliegen einer Anosognosie bzgl. der Extremität
Schlussfolgerung:
Sensibilitätsverlust keine hinreichende Bedingung für Ausbildung einer Anosognosie - 101. Störungen der Informationsaufnahme und -weiterleitung: NeglectNeglect als Ursache der Anosognosie bei gleichzeitigem Auftreten
Erklärung:
Durch die Neglect-bedingte Aufmerksamkeitsstörung (ipsiläsional verschobenes Explorationsfeld) weniger Möglichkeit, kontraläsionale Einschränkungen zu entdecken
Kritik:
-Nur 70% der Patienten weisen zusätzlich zur Anosognosie einen Neglect auf
-Bei 20% der Patienten ohne Anosognosie war trotzdem ein Neglect vorhanden
Zusammenfassung:
Häufige Assoziation von Anosognosie und Neglect, jedoch keine gegenseitige Bedingung - 111. Störungen der Informationsaufnahme und -weiterleitung: DiskonnektionNach Anton:
Anosognosie für kortikale Blindheit durch eine fast vollständige Unterbrechung der Kommunikation von V1 mit Rest des Gehirns
Nach Plötzl:
Zur bewussten Wahrnehmung ist intakte thalamokortikale Interaktion notwendig => Anosognosien durch Unterbrechungen der Verbindung modalitätsspezifischer Areale mit Thalamus - 12Kritik der Hypothesen zur Störung der Informationsaufnahme und -weiterleitungBei vielen Patienten bildet sich die Anosognosie mit der akuten Phasse zurück; d.h. nach wenigen Tagen/Wochen können die Patienten Defizite erkennen
- 132. Psychologisch-psychodynamische TheorienVermutung:
Anosognosie als umfassende mentale Schädigung mit Konfusion und intelektueller Beeinträchtigung
=> Abwehrmechanismus zur "stimmigen" Interpretation der Symptomatik
Äußert sich in grundlegender Persönlichkeitseigenschaft im Sinne einer ausgeprägten Verweigerungshaltung bei Konfrontation mit der Realität - 143. EntdeckungstheorienVermutung:
Defizit der Selbstdiagnose
=> um Behinderung zu akzeptieren, muss sie erst eigenständig "entdeckt" werden - 155. Störungen neuronaler "Bewusstseinssysteme"Vermutung:
Jedes bewusstes Erleben setzt Aktivierung eines Conscious awareness Systems voraus
=> Anosognosie durch Schädigung dieses Systems; hervorgerufen durch Schädigung des Netzwerkes, welches die visuelle Außenwelt mental abbildet - 166. Störungen motorischer Planungs- und KontrollprozesseFeedforward-Hypothese:
Einschränkung kann nur erkannt werden, wenn Nutzungsversuch stattfindet => Missverhältnis zwischen Erwartung und Ausführung einer Handlung notwendig
Ursache ist daher fehlende Initiierung der Nutzung des betroffenen Körperteils
Erweiterte Feedforward-Hypothese:
Bewusste Wahrnehmung einer Handlung (z.B. Bewegung) basiert auf der Repräsentation der vorhergesagten Handlungs- (Bewegungs-) konsequenz, nicht auf der Handliung selbst
Repräsentation bei Anosognosie ungestört => Erfahrung einer Handlung (Bewegung)
Die pathologische Überzeugung die Handlung ausgeführt zu haben, ensteht erst dadurch, dass die Diskrepanz zwischen aktuell bestehenden und gewünschten, vorhergesagten Handelns aufgrund fehlenden sensorischen Feedbacks aus dem betroffenen Körperteil nicht wahrgenommen wird
Informationen
- Beschreibung
- Zellbiologie Psychologie (Klinische Neuropsychologie) Karteikarten am Klinische Neuropsychologie - Anosognosie, erstellt von Joney Stoney am 26/07/2018.
- Erstellt von
- Joney Stoney
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