Karteikarten
Selbstverletzendes Verhalten
Karten in diesem Stapel (39)
- 1Kennzeichen- indirekte Selbstschädigung von direkt selbstverletzendem Verhalten abgrenzen
- indirekt: ungesunde Ernährung// Missbrauch von Alkohol, Drogen & Nikotin// Risikoverhalten - abgrenzende Merkmale des Selbstverletzenden Verhaltens:
- Die Selbstverletzung erfolgt direkt - direkte Schädigung des Körpers
- Bei der Durchführung besteht keine suizidale Absicht
- nicht Leben nehmen oder damit drohen, sondenemotionale Belastung ausgleichen
- Es besteht nicht die Absicht, die Krankenrolle einzunehmen - Das Verhalten ist sozial und kulturell nicht akzeptiert
- Abgrenzung zu rituellen Praktiken und medizinischen oder ästhetischen Eingriffen - 2Klassifikation und Dimensionen der Klassifikation- viele unterschiedliche Formen: vom oberflächlichen Schneiden oder leichten Verbrennen der Haut bis hin zum Brechen eigener Knochen
- 3 Dimensionen:
- Schweregrad der Verletzung
- Regelmäßigkeit des Auftretens
- Grad der Stereotypisierung
- selbstverletzendes Verhalten nicht anhand der gängigen Diagnosesysteme (DSM, ICD) als eigenständiges Störungsbild diagnostiziert
- Möglichkeit einer Diagnosestellung als nicht näher bezeichnete Störung der Impulskontrolle - 3Schwere Selbstverletzung- schwerwiegende Beschädigung des Körpers
- kann zu Verstümmelungen führen & lebensgefährlich sein
- meistens einmaliges Geschehen in besonderen Zuständen der
Verwirrung oder Dekomensation (Psychose, Drogen, neurologische
Erkrankung)
- K.u.J. nur selten betroffen, da sich entsprechende Störungen erst im
frühen erwachsenen Alter ausbilden - 4Stereotype Selbstverletzung- Kinder mit geistiger Behinderung und/oder Entwicklungsstörung
- starke Variation im Schweregrad
(leichte Schläge & Kratzen —> Verstümmelung durch Beissen)
- mögliche lebensgefährliche Kopfverletzungen
- Besonderheit: gleichförmiges Wiederholten des Verhaltens über lange
Zeiträume hinweg (macht eigentlich harmloses Verhalten gefährlich) - 5zwanghaftes selbstverletzendes Verhalten- Kratzen, Nägelbeißen, Ausreißen von Haaren
- sehr häufig oder ritualisiert durchgeführt
- keine geistige Behinderung o. Entwicklungsstörung
- Verhalten wird als Impulskontrollstörung kategorisiert - 6Impulsives Selbstverletzendes Verhalten- führt zu leichten bis mittelgrasigen Verletzungen
- kann episodisch oder repetitiv durchgeführt werden
- im Kontext psychischer Störungen o. emotionaler/ sozialer Belastungen - insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene betroffen - 7Selbstverletzendes Verhalten - Stresssymptom oder eigenes Störungsbild? pro allgemeines Stresssymptom- Selbstverletzendes Verhalten wird von vielen unterschiedlichen Risikofaktoren beeinflusst, und es tritt im Rahmen unterschiedlicher psychischer Störungen auf
- Wirksame therapeutische Verfahren wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie ( s . u .) beeinflussen sowohl selbstverletzende als auch suizidale und andere problematische Verhaltensweisen positiv
- bei Jugendlichen sehr weit verbreitet → beträchtlichen Anteil der Jugendlichen zu pathologisieren
- Begriff „Stresssymptom“ viel weniger stigmatisierend
- die Wahl einer solchen Bezeichnung könnte die Kommunikation mit den Betroffenen erleichtern. - 8Selbstverletzendes Verhalten - Stresssymptom oder eigenes Störungsbild? pro eigenes Störungsbild- gerade bei jungen Menschen häufig, auch ohne dass bei ihnen das Vollbild einer anderen
psychischen Störung vorliegt.
- spezifischer Verlauf: von anfänglich vereinzelten, impulsiven Verhaltensepisoden zu einem
individuellen, repetitiven Verlaufsmuster, das jahrelang anhalten kann
- Anerkennung des repetitive self harm syndrome als eigenständiges Störungsbild würde
zwingend dazu führen, eindeutige Kriterien und eine klare Terminologie für dieses Störungsbild zu schaffen
- Erforschung der Störung und Weiterentwicklung von Therapie- und Präventionsansätzen
gefördert
- Finanzielle Mittel zur Erforschung und Behandlung des selbstverletzenden Verhaltens können
leichter bereitgestellt werden - 9Häufigkeit- Kinder: selten außer stereotyper Selbstverletzung (bei Behinderungen)
- Jugendliche: Prävalenz: zwischen 13,0% und 23,2%
- Deutschland 11 % der befragten 14-jährigen Schüler (N = 5.500) schon einmal selbst verletzt und 4,5 % bereits mehrfach
- häufiger von Mädchen als von Jungen
- neuere Studien: bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig
- besonders häufig in Haft oder Untersuchungshaft, psychiatrischen oder psychosomatischen Klinik —> Prävalenzen von 20 bis 50% Verlauf - 10Verlauf- Beginn der Pubertät; Mädchen durchschnittlich zwei bis drei Jahre früher als bei Jungen → hormonelle Einflüsse die Entstehung
- belastende Erlebnisse wie schlechte Noten, Konflikte als erste Auslöser
- schnelle Entwickelung eines individuellen, repetitiven Musters
- oft jahre- bis jahrzehntelang
- mittleres Erwachsenenalter: Verhalten lässt nach/ wird aufgegeben
→ veränderte Lebensbedingungen, verbesserte Bewältigungsmechanismen, unterstützende
soziale Beziehungen
- kann vereinzelt auch im späten Erwachsenenalter auftreten
- Zunahme der Prävalenzen umstritten, lassen sich schwer bestimmen - 11Funktion des Selbstverletzenden Verhaltens- Regulation von Emotionen: Negative Gefühle wie Anspannung, Ärger, Leere, Einsamkeit, Depression, Traurigkeit kurzzeitig reduzieren →während oder danach Gefühl der Erleichterung bis euphorische (Endorphine) →negative Verstärkung (Aufrechterhaltung des Verhaltens)
- 12Funktionsbereiche- Emotionsregulation
- Ausdruck von Gefühlen
- Bewältigung belastender Situationen
- Selbstbestrafung
- soziale/interpersonelle Funktionen - 13Funktion: Emotionsregulation- Bewältigung von Anspannung
- Bewältigung spezifischer negativer Gefühle (Angst, Wut,
Beschämung, Trauer)
- Herstellung positiver Gefühle - 14Funktion: Ausdruck von Gefühlen- Ausdruck negativer Gefühle
- Versuch, seelischen Schmerz in fassbare Form zu bringen - 15Funktion: Bewältigung belastender Situationen- (Wieder-)Herstellung des Gefühls von Kontrolle
- Ablenkung von Erinnerungen an traumatische Ereignissen
- Ablenkung von unerwünschten oder sich aufdrängenden
Gedanken
- Beendigung unangenehmer dissoziativer Zustände - 16Selbstbestrafung- Bei wahrgenommenem Versagen
- Verminderung von Schuld- und Schamgefühlen - 17Soziale/ interpersonelle Funktion- Regelung von Nähe und Distanz
- Gewinnen von Aufmerksamkeit und Zuwendung - Herstellung von Zugehörigkeit zu einer Gruppe - 18Risikofaktoren (allgemein)- bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von selbstverletzenden Verhalten wirken mehrere Risikofaktoren zusammen
- Selbstverletzendes Verhalten häufig im Kontext psychischer Störungen
- Borderline: Traumatisierung —> Dissoziation Störung —> Selbstverletzung
- Biologische Faktoren
- Emotionale Faktoren
- Soziale Faktoren
- Traumatische Erlebnisse
- Psychische Störungen - 19Biologische Risikofaktoren- Hormonelle Ursachen
- Serotonin-Unterfunktion
- Störung des Dopamin-Systems - 20Emotionale Risikofaktoren- Starke emotionale Erregbarkeit
- eingeschränkte Fähigkeit, eigene Gefühle zu identifizieren - Beeinträchtigung der Fähigkeit zur Emotionsregulation
- mangelnde Akzeptanz eigener Gefühle - 21Soziale Risikofaktoren- Emotionale Vernachlässigung durch Eltern - psychische Störung bei der Eltern
- Gewalt in der Familie
- schwere Konflikte in der Familie
- Konflikte mit Gleichaltrigen oder Isolation
- Modellwirkung selbstverletzender Gleichaltriger - 22Traumatische Erlebnisse- Verlusterlebnisse
- Unfälle, schwere Krankheiten, Operationen
- Erfahrung/ Beobachtung von Gewalt körperliche Misshandlung - sexuelle Misshandlung
- multiple Traumatisierung - 23Psychische Störungen- Substanzmissbrauch
- Essstörungen
- affektive Störungen
- dissoziative Störungen Persönlichkeitsstörungen insbesondere
Borderline - 24Mögliche Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch und selbstverletzendem Verhalten- Betroffene erleben besonders starke negative Gefühle wie Wut, Scham und Ohnmacht
- Abwehr von Intrusionen und Flashbacks
- Bestrafung, wegen empfundener Mitschuld
- Missbrauchserlebnisse können dissoziative Zustände (Depersonalisation, Derealisation)
auslösen - 25Dissoziative Störung & Selbstverletzendes Verhalten- oft als Folge von Traumatisierung
- körperlicher Schmerz lenkt Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindung & unterbricht
dissoziativen Zustand
- Dissoziativer Zustand hemmt Schmerzempfinden → selbstverletzendes Verhalten
wird erleichtert Borderline-Persönlichkeitsstörung
- 70-80% weisen selbstverletzende oder suizidale Verhaltensweisen auf
- Ziel: Abbau von Spannung, Beendigung dissoziativer Zustände - 26Verschiedene Perspektiven: Erklärungskonzepte- biologisch
- lerntheoretisch
- traditionell-psychoanalystisch
- psychodynamisch
- entwicklungspsychopathologisch - 27lerntheoretische Perspektive- gelerntes Verhalten aus Beobachtung (Lernen am Modell) oder zufällige Erfahrungen
- anschließende Verstärkungsprozesse - 28traditionell-psychoanalytische Perspektive- Abwehrmechanismus eines traumatisierten Individuums um Retraumatitisierung zu vermeiden
- 29Psychodynamische Perspektive- Störung der Objektbeziehungen, der Bindung oder des Körperbildes
- z.B. desorganisiertes Bindungsverhalten: erhöhte Vulnerabilität für dissoziative
Symptome → erhöhte Wahrscheinlichkeit für selbstverletzendes Verhalten - 30entwicklungspsychopathologische Perspektive- traumatische Erfahrung als ursprüngliche auslösender Faktor
- umfassende Perspektive:
traumatische Erfahrung → ungünstige Entwicklungen
→ behindern Ausbildung grundlegender Kompetenzen (Motivation, Einstellungen, Emotionen) → Zwischenschritte (soziale Isolation, Impulsivität) → Selbstverletzendes Verhalten
- fehlend: biologische und behaviorale Einflüsse
- Identifikation von Ressourcen - 31Intervention (allgemein)- so früh wie möglich —> chronischen Verlauf der Störung verhindern - Wirksamkeit der DBT und ihrer Adaption für jugendliche belegt
- Psychopharmakotherapie
- Vorraussetzung: gründliche Diagnostik - 32Differenzialdiagnostik- Abgrenzen: suizidale Handlung, artifizielle Störung oder selbstverletzendes Verhalten - artifizielle Störung: Personen erzeugen absichtlich Krankheitssymptome
- Gespräche, Anamnese, Fragebögen - 33Diagnostische Verfahren zur Therapieplanung- diagnostische Verfahren zur Therapieplanung (Motivation, Häufigkeit und Art, belgeitende Gedanken & Gefühle erfassen)
- Ziel: dem Verhalten zu Grunde liegende psychische und soziale Funktionen identifizieren und
Therapie individuell darauf abstimmen
- Self-Injury Motivation Scale
- Fragebogen zum Selbstverletzenden Verhalten - Ottawa/Ulm Selbstverletzungsinventar - 34Dialektisch-Behaviorale Therape (DBT) Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung (allgemein)- strukturierte kognitiv-behaviorale Therapieform mit achtsamkeitsbasierten Anteilen; ursprünglich Behandlung von Borderline
- Achtsamkeit: bewusste möglichst wertfreies Wahrnehmen aktueller Sinneseindrücke
→ Aufmerksamkeitslenkung
- reduziert starke Emotionen und impulsive Reaktionen
- Verschiedene Verfahren und Techniken suizidales oder selbstverletzendes Verhalten zu reduzieren
- modularistisch und manualisierte Therapie in Gruppen- und Einzelsitzungen und in verschiedenen Stufen
- Verhaltenskontrolle zuerst, Verarbeitung von Traumata, Umgang mit persönlichen Beziehungen später - 35Dialektisch-Behaviorale Therape (DBT) Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung direkte Strategien- Direkte Strategien: reduzieren Auftretenswahrscheinlichkeit selbstverletzender Verhaltensweisen
- Vermeidung typischer Auslöser
- Einsatz behavioraler Maßnahmen (Vermeidung von Verstärkung unerwünschter
Verhaltensweisen)
- Verhaltensprotokolle (auslösende, aufrechterhaltende Faktoren identifizieren und
beeinflussen) - 36Dialektisch-Behaviorale Therape (DBT) Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung indirekte Strategien- Indirekte Strategien: alternative Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien
- dadurch langfristig das Risiko für selbstverletzendes Verhalten senken
- wichtig sind Förderung von
- Achtsamkeit
- Stresstoleranz
- Emotionsregulation
- interpersonalen Kompetenzen
- Fähigkeit zur Entscheidungsfindung und Problemlösung Stufen - 37Stufen der DBT1. Vorbehandlungsphase: Motivierung des Patienten, Abstimmung der Therapieziele
2. Kontrolle suizidaler und selbstverletzender Verhaltensweisen
3. Erhöhung der Toleranz für negative emotionale Erlebnisse; Bearbeitung von Traumata
4. Selbstachtung, Erreichen eigener Ziele, allgemeine Lebensbewältigung
5. Behandlung komplexer Problembereiche - 38DBT für Jugendliche- verkürzte, vereinfachte und an die Bedürfnisse der Jugendlichen angepasste Version - zwei Besonderheiten:
- Fertigkeitengruppe wird Bezugsperson des Jugendlichen eingebunden
- Fertigkeitstraining beinhaltet zusätzliches Modul: jugendtypische Dilemmata (Konflikte
Autonomie und Ablösung) - 39Psychopharmakotherapie- SSRI: positive Wirkung; Verringerung der Folgen der Unterfunktion (Impulsivität und Autoaggressivität), da sie die Verfügbarkeit von Serotonin verlängern
- Serotonin-Unterfunktion —> Impulsivität & Autoaggressivität —> Selbstverletzung
- Opiatantagonisten: euphorische Gefühle durch selbstverletzendes Verhalten unterdrücken
- atypische Neuroleptika: Dopamin-System
- als Ergänzung/ Unterstützung der Behandlung
- Alter, Geschlecht, körperliche und psychische Komorbiditäten beachten
Informationen
- Beschreibung
- Klinische Psychologie (7. Selbstverletzendes Verhalten) Karteikarten am Selbstverletzendes Verhalten, erstellt von evasophie am 30/07/2015.
- Erstellt von
- evasophie
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