Apuntes
Wann sind Sie am besten? – Reflected Best-Self
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Als Kind ging ich nach dem Friseurbesuch oftmals nach Hause und fragte mich, wie die Menschen aussähen, wenn jeder die Frisur trüge, die ihm am besten stünde.
Zwanzig Jahre später frage ich mich, wie die Welt aussähe, wenn jeder nicht nur die Stärke nutzte, die er in den Haaren hat, sondern auch die, die er in sich trägt.
Wenn Kaninchen schwimmen müssen
Sie kennen wahrscheinlich die Fabel von der Tierschule.
Eine Gruppe von Tieren setzt einen Lehrplan auf und macht sich in den
verschiedensten Sportarten fit, so dass am Ende – wer hätte das gedacht –
der Aal als Klassenbester die Abschlussrede halten darf.
Lädierte Schwimmflossen bei der Ente, ein Nervenzusammenbruch bei dem
Kaninchen und Disziplinlosigkeit beim Adler waren dabei keine
Seltenheit.
Das mag Ihnen dubios erscheinen? Es passiert dennoch jeden Tag bei Millionen von Arbeitsplätzen, an denen Stärken verkümmern, weil Schwächen
ausgeglichen werden, um auf ein „normales“ Maß zu kommen. Die
individuellen Stärken einer schwimmenden Ente, eines flinken Kaninchens
oder des Königs der Lüfte werden oft nicht ausgeschöpft.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Kritik bei Ihnen am besten hängen bleibt und Lob – alleine aus fehlender Gewohnheit
– selten angenommen werden kann. Das heißt, Sie arbeiten – genau wie
die Tiere nach ihrem Lehrplan – um Ihre Schwächen auszugleichen.
Warum spielen Stärken eine Rolle?
Natürlich gehört es im Arbeitskontext zu den Aufgaben einer
Führungskraft, ihren Mitarbeitern ebenfalls Bereiche zur Verbesserung
aufzuzeigen, wenn es für die Arbeit essentielle Bereiche und Aufgaben
sind.
Bedauerlicherweise motiviert uns die Arbeit an unseren Schwächen nicht sehr. Negatives Feedback
bringt uns leicht in die Defensive, lässt uns Schwächen vielleicht
sogar leugnen oder ignorieren. Lob auf der anderen Seite ist für uns wie
ein Zuckerschlecken: wir bemerken, dass uns jemand für das schätzt, was
wir tun und versuchen, dieses gelobte Verhalten zu wiederholen. Um mehr
Lob zu bekommen.
Es ist heutzutage noch nicht die Regel, seine Stärken (im
unternehmerischen und persönlichen Sinne) gewinnbringend einzusetzen,
sondern leider noch normal, dass viele Menschen Angst vor Fehlern in
diesen Stärkenbereichen haben, weil gerade dort die Gefahr besteht, sein
Selbstwertgefühl durch negative Erfahrungen zu schädigen.
Was wäre, wenn die Nutzung Ihrer Stärken bereits Gang und Gäbe wäre?
Sie würden auf die Stärken Ihrer Mitmenschen achten, sie nutzen, sie
vielleicht einfordern und mit Ihren eigenen Stärken verbinden.
Wertschätzung wäre gegeben, flow-Erlebnisse häufiger geschaffen, Schwimmhäute geschont und die Flügel ausgebreitet.
Glücklicherweise gibt es Wege, seine Stärken herauszufinden. Einen davon möchte ich Ihnen heute vorstellen: die Reflected Best Self-Übung
(frei übersetzt: mein bestes Selbst), die von Robert Quinn und Kollegen
im Center for Positive Organizational Scholarship entwickelt wurde
(Quinn et al., 2003).
Wie können Sie das Reflected Best Self nutzen?
Hier sind vier einfache Schritte, wie Sie Ihre Stärken herausfinden und besser nutzen können:
Schritt 1: Fragen Sie andere nach Ihren Stärken
Da diese Übung kein „fishing for compliments“ sein soll, sondern eine
Analyse Ihrer Stärken, erklären Sie den Beteiligten den Hintergrund
Ihrer folgenden Bitte (oder noch besser: schicken Sie ihnen den Link,
damit sie es selber ausführlich lesen können! ;).
Welche fünf Menschen aus Ihrem Freundes-, Bekannten- oder
Familienkreis kennen Sie gut genug, um Ihnen zu Ihren Stärken Feedback
geben zu können? Wenn Sie Feedback zu Ihrem beruflichen Umfeld bekommen
möchten, fragen Sie zusätzlich aktuelle und besonders ehemalige
Kollegen. Oder machen Sie daraus eine kleine, interne Aktion im kleinen
Kreis!
Sie können nur gewinnen, weil Sie das zurück gemeldet bekommen, was ohnehin in Ihnen ist.
Fragen Sie diese Menschen, welches Ihre Stärken sind und bitten Sie
sie nach einem Beispiel, dass Ihre jeweilige Stärke situativ
verdeutlicht (hat).
Tipp: Einigen Menschen ist es zu unangenehm, eine solche Bitte an andere zu richten. Machen Sie sich deshalb das Zirkuläre Fragen
zunutze und fragen Sie sich: Was würde xyz sagen, wenn ich ihn über
meine Stärken ausfragte? Die Antworten werden allerdings präziser und
stärker ausfallen, wenn Sie andere Menschen fragen.
Schritt 2: Identifizieren Sie Muster
Das Erste, das Sie nach dem Zusammentragen Ihrer Antworten tun, ist,
sich immens zu freuen! Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie sowohl
von einigen Antworten überrascht als auch gerührt sein werden, denn Ihre
Stärken vor Augen geführt zu bekommen, kann wunderbar sein!
Im zweiten Schritt gruppieren Sie die Antworten. Einige der
Rückmeldungen reflektieren vielleicht Stärken, die Ihnen längst bewusst
sind. Andere sind Ihnen eventuell unbewusst, weil sie Ihnen natürlich und selbstverständlich vorkommen. Ihren Mitmenschen sind diese Stärken meist jedoch klar vor Augen.
Tipp: Nutzen Sie für das Erkennen und Bilden von
Mustern ein paar Papierzettelchen oder Post-ITs, die Sie flexibel hin
und herschieben können.
Schritt 3: Schreiben Sie Ihr Stärken-Profil
Jetzt haben Sie von den verschiedensten Quellen Stärken und im besten
Fall konkrete Beispiele bekommen. Sie haben sich über das gefreut, was
andere in Ihnen sehen und haben Ihre Stärken für Sie stimmig sortiert.
Im dritten Schritt verknüpfen Sie diese identifizierten
Stärkenbereiche und schreiben in kurzen Absätzen oder in einer
Exceltabelle zusammen, worin Sie stark sind.
Damit haben Sie zwei Dinge: Eine Hilfe für zukünftige Situationen und
Entscheidungen, Ihre Stärken noch besser einsetzen zu können und
zweitens ein wunderbares Schriftstück für harte Zeiten, in das Sie so
oft reinschauen können, wie Sie möchten!
Schritt 4: Wo können Sie Ihre Stärken noch ausspielen?
Der wichtigste der vier Schritte ist der letzte: Mit der Übersicht
Ihrer für andere und vielleicht auch für Sie deutlichen Stärken haben
Sie die Möglichkeit, mit geschärftem Blick auf Situationen zu schauen,
in denen Sie genau das noch besser und öfter einsetzen können, was Sie
gut können.
Können Sie im Privaten bestimmte Stärken noch häufiger nutzen?
Können Sie Ihre Arbeit umgestalten, so dass Sie sich und Ihre Stärken ausbreiten und wachsen lassen können?
Sind Sie z.B. ein stringenter Mensch, dem es leicht fällt, Korrektur
zu lesen, der aber schlecht schläft, wenn er nur das Wort „kreatives
Brainstorming“ auf der Agenda des nächsten Teammeetings liest? Überlegen
Sie, ob Sie jemandem die Korrekturen abnehmen können, der Ihren
kreativen Teil übernimmt.
Oder sind Sie eine umgängliche, fröhliche Person, die aufgeht, wenn
Sie mit anderen Menschen ist, diese Möglichkeit aber selten hat, weil
Sie im Büro 7,5h vor dem Computer sitzen? Überlegen Sie mal, ob es nicht
jemanden gibt, der introvertiert aber oft bei Kunden ist und sich
deshalb nicht wohl fühlt.
So, wie Sie Ihre Stärken aufdecken und nutzen, sollten Sie
zugleich die der anderen fördern und fordern, denn Stärken einzusetzen
und sich bewusst zu sein, wie Ihre Stärken Sie und andere voran bringen,
ist eines der schönsten Gefühle dieser Tage…
In welchen Situationen sind Sie auf Ihrem Höchststand und setzen Ihre Stärken ganz automatisch ein?
Wo haben Sie Ihren Partner oder einen guten Freund in einer Situation gesehen, wo er oder sie sein „bestes Selbst“ gezeigt hat?