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- 1Gegenstand der Klinischen Psychologie• Psychische Störungen, psychische Krisen, psychische
Aspekte körperlicher Erkrankungen
• Blickwinkel primär auf (psychische) Krankheiten/
Störungen gerichtet - 2Gegenstand der Gesundheitspsychologie• Körperliche und psychische Gesundheit
- 3Definition 1 Gesundheitspsych:Gesundheitspsychologie ist der wissenschaftliche
Beitrag der Psychologie zur Förderung und Erhaltung von Gesundheit, Verhütung von Krankheit, Bestimmung von Risikoverhaltensweisen, Diagnose und Ursachenbestimmung von gesundheitlichen Störungen, Rehabilitation und Verbesserung des Systems
gesundheitlicher Versorgung. (1990) - 4GesundheitspsychologieDefinition 2:Gesundheitspsychologie ist die Wissenschaft vom
Erleben und Verhalten der Menschen im Zusammenhang mit
Gesundheit und Krankheit. Dabei stehen vor allem riskante und
präventive Verhaltensweisen, psychische und soziale Einflussgrößen sowie deren Wechselwirkungen auf körperliche
Erkrankungen und Behinderungen im Mittelpunkt. (2006) - 5Fragen, mit denen sich die Gesundheitspsychologie beispielsweise befasst:• Warum werden manche Menschen krank, andere nicht?
• Wie können HIV-Infektionen verhindert werden?
• Wer erholt sich wie schnell von einem Herzinfarkt?
• Wie lässt sich die Lebensqualität verbessern?
• Allgemein: Wie beeinflussen Verhalten, Kognitionen,
Emotionen, Motivation, Persönlichkeit, soziale Faktoren und
das Gesundheitssystem die Gesundheit einer Person? - 6Anwendungsorientiert / GrundlagenfachGesundheitspsychologie ist einerseits ein anwendungsorientiertes Fach: Entwicklung und Evaluation von
Gesundheitsförderungsprogrammen
Andererseits beinhaltet sie auch Grundlagenforschung:
Entwicklung theoretischer Modelle zB zu
Stressbewältigung, subjektiven Krankheitstheorien,
Risikowahrnehmung… - 7InterdisziplinärGesundheitspsychologie ist interdisziplinär ausgerichtet
und integriert Befunde aus verschiedenen Bereichen,
zB Sozialpsychologie, kognitive Psychologie,
Entwicklungspsychologie… - 8Biomedizische ModellIn der Medizin herrschte lange Zeit das biomedizinische
Modell vor:
• Krankheit als naturwissenschaftlich objektivierbarer,
oft von einer Norm abweichender Zustand
• Ursachen von Krankheit sind genetische oder externe
Faktoren (Bakterien, Viren, Gifte…)
• Gesundheit = Abwesenheit von Krankheit - 9Basis der Gesundheitspsychologie ist NICHT das biomedizinische Modell, sondern das biopsychosoziale Modell:• Krankheiten werden in einer Wechselwirkung von
biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren
verursacht
• Gesundheit und Krankheit als Endpunkte eines
Kontinuums - 10Wann hat sich die Gesundheitspsychologie im deutschsprachigen Raum zunehmend als eigenständige Disziplin etabliert?seit 1980er Jahren
- 11Gründe für die Etablierung als eigenständige Disziplin:• Massive Zunahme chronisch-degenerativer
Erkrankungen
• Entdeckung des Einflusses von Risikoverhalten auf
Entstehung und Verlauf dieser Krankheiten
• Kostenexplosion im Gesundheitswesen - 12Abgrenzung zur Verhaltensmedizininterdisziplinäres Arbeitsfeld, in dem
Gesundheits- und Krankheitsmechanismen unter
Berücksichtigung psychosozialer, verhaltensbezogener und
biomedizinischer Wissenschaften erforscht werden und die
empirisch geprüften Erkenntnisse und Methoden in
Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation
eingesetzt werden1
; enge Beziehung zu Medizin - 13Abgrenzung zur Psychosomatikbeschäftigt sich wie die Gesundheitspsychologie mit der Verbindung biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren von Krankheiten, ist aber
überwiegend krankheits- und behandlungsorientiert - 14Abgrenzung zur Medizinpsychologiebeschäftigt sich mit der gezielten
Anwendung psychologischer Erkenntnisse und Modelle
in der Medizin; Schwerpunkte sind zB die ArztPatienten-Beziehung, aber auch Gesundheitsförderung
und Prävention - 15Abgrenzung zu Public-Health (Gesundheitswissenschaften)hat die Ziele
Gesundheitsförderung, Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung, Förderung des Wohlbefindens, verwendet
aber gemeindebezogene Maßnahmen, zB die
Beeinflussung von Gesundheitssystemen - 16Verschiedene Definitionen von Krankheit/Störung:• Krankheit als Schädigung (Pathologie)
• Krankheit als Funktionseinschränkung
• Krankheit als Leidenszustand
• Krankheit als das, was Ärzte behandeln
• Krankheit als Stressanpassung
• Krankheit als Unvollkommenheit
• Krankheit als eigene Schuld
• Krankheit als Strafe für Sünde
• Krankheit als Besessenheit (von etwas Bösem)
• Krankheit als statistische Normabweichung
• Krankheit als Begriff - 17Was gilt für die Begriffe Krankheit/Störung/Gesundheit?Sind keine absoluten Begriffe, sondern
welche, deren Bedeutung in verschiedenen Zeiten und
Kontexten immer wieder neu verhandelt werden müssen.
zB Ist jemand, der eine genetische Prädisposition für
eine Krankheit hat, krank? - 18Definition von "Gesunheit" der WHO (1946):Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen,
geistigen und sozialen Wohlbefindens und daher weit
mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit oder
Gebrechen.
(Krankheit bedeutet hier Abwesenheit von Gesundheit,
nicht umgekehrt!) - 19Kritik an der Definition der WHO• Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein
kontinuierlicher Adaptationsprozess
• WHO-Definition beinhaltet kein realistisches, sondern
ein idealistisches Ziel - 20Wer entwickelte Wann das Modell der Salutogenese?A. Antonovsky (1979): forderte komplementär zur bis
dahin pathogenetisch orientierten Theoriebildung die
Entwicklung von Modellen über Entstehung und
Erhaltung von Gesundheit - 21Was ist das Modell der Salutogenese?Gesundheit
und Krankheit nicht als dichotome Gegensätze, sondern
als Kontinuum mit den Endpunkten „Health-Ease” und
„DisEase” (HEDE-Kontinuum)Da Gesundheit als Prozess aufgefasst wird, ist eine
Person nicht „gesund“ oder „krank“
, sondern befindet
sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer
bestimmten Stelle auf dem HEDE-Kontinuum.
Für die Lokalisation der aktuellen Position eines
Individuums sind wesentlich:
• Ausprägung von Schmerzen und funktionellen
Beeinträchtigungen,
• Notwendigkeit präventiver/kurativer Maßnahmen
• Prognostische Einschätzung durch ExpertInnen des
Gesundheitssystems - 22Was ist der Kohärenzsinn?Antonovsky entwickelte das Modell über die folgenden
Jahre immer weiter. Zum zentralen Bestandteil wurde
der Kohärenzsinn. Darunter versteht Antonovsky die
grundsätzliche Fähigkeit jedes Individuums, sich aus der
Umwelt jene Elemente nutzbar zu machen, die dem
Aufbau der eigenen Struktur förderlich sind, und jene
Elemente zu meiden, die diese Struktur gefährden. - 23Was sind die Vorteile des Kohernzsinnes?Ein gut ausgebildeter Kohärenzsinn ermöglicht bzw.
erleichtert die Nutzung von protektiven Faktoren wie
sozialen Bindungen, Wissen oder materiellen Gütern
und ist somit wesentlicher Bestandteil der ständigen
Erzeugung von Gesundheit.
Ein starker Kohärenzsinn äußert sich als grundlegendes
Gefühl der Zuversicht; die innere und äußere Welt
werden als verständlich, Ereignisse als grundsätzlich
bewältigbar und die eigene Existenz und das eigene
Handeln als sinnvoll erlebt. - 24Umweltebene:Gesundheitsförderliche vs
gesundheitsbeeinträchtigende Umwelten
Soziales Umfeld/soziale Unterstützung, Arbeitsbedingungen, Wohnsituation, ökologische Qualität
der Umwelt usw usw - 25Individuelle Ebene:Gesundheitsförderliche vs
gesundheitsbeeinträchtigende Personenfaktoren
Körperliche Faktoren (zB Gewicht, Blutdruck),
Persönlichkeitsmerkmale (zB Optimismus, Selbstwert,
Kohärenzsinn), Kognitionen (zB Kontrollüberzeugung),
Verhaltens-weisen/Verhaltensmuster (zB Ernährung,
Bewegung, Stressbewältigung) usw usw - 26Beispiele für GesundheitsempfehlungenErnährungspyramide
der Deutschen
Gesellschaft für
Ernährung e.V.
(gültig bis 2005)
Österreichische
Ernährungspyramide
(BM f. Gesundheit,
2010) - 27Pest:durch das Bakterium Yersinia pestis verursachte Infektionskrankheit, die in mehreren Varianten auftreten kann; besonders häufig
als Beulenpest oder Lungenpest
Geschichte:
1. nachgewiesene Pandemie 541-700 n.Chr.
2. Pandemie „Schwarzer Tod“ (1347-ca. 1353), rund 25 Millionen Tote
Letzte Epidemien in Europa im 18. Jhdt
3. Pandemie 1896-ca. 1945, rund 12 Millionen Tote vor allem in Asien
und Indochina
Auch heute noch nicht ausgerottet, immer wieder Epidemien,
zB seit 2008 in Madagaskar - 28Vermutete Ursachen der Pest im Wandel der ZeitGriechische Antike: göttliche Pestpfeile (zB in Homers Ilias:
Apoll schickt die Pest ins Lager der Griechen)
Mittelalter: Medizin basierte auf Lehren der Antike sowie
zB Astrologie; medizinische Theorien:
• Pest als Fehlmischung der 4 Galen‘schen Körpersäfte (Blut,
Schleim, gelbe und schwarze Galle)
• Miasmentheorie: faul riechende Winde oder Dämpfe aus dem
Erdinneren verbreiten die Krankheit („Pesthauch“)
• Astrologie: ungünstige Dreierkonstellation Saturn-Jupiter-Mars
• Frühes 16. bis frühes 19. Jhdt: Contagiontheorie
(Krankheitsübertragung durch Körperkontakt) - 29Empfehlungen zur Prävention im Wandel der Zeit• Göttliche Pestpfeile Götter nicht erzürnen
• Miasmentheorie Fenster nur nach Norden öffnen; feuchtschwüles Klima, Südwind und die Luft über stehenden Gewässern vermeiden; Schutz gegen Pesthauch durch Verbrennen
von Kräutern, offene Feuer; Schutzmasken für Ärzte
• Astrologisch ungünstige Konstellation keine
• Contagiontheorie Körperkontakt vermeiden,
Essigwaschungen, regelmäßig Wäsche wechseln
• Quarantäne (Ursprung unklar) - 30Mittelalter ̶nicht-medizinische Theorien: (Pest)• Pest als Strafe Gottes gottgefälliger Lebenswandel;
Fasten, Enthaltsamkeit; Buße tun, zB Selbstgeißelung;
>60 Pestheilige
• Zuschreibung der Schuld an gesellschaftliche Randgruppen,
zB jüdische Händler mehrfache Judenpogrome - 31Modernes Verständnis: (Pest)1894: A. Yersin identifiziert den Erreger der Pest
1898: P.-L. Simond klärt den Übertragungsweg
von der Ratte über den Rattenfloh zum Menschen
• 2. Übertragungsweg: Tröpfcheninfektion Mensch-Mensch,
wenn Lunge befallen
• Behandlung: mit Antibiotika; bei frühem Behandlungsbeginn
gute Prognose
• Prävention: öffentliche Hygiene – Entsorgung von Müll und
Unrat entzieht Ratten die Lebensgrundlage; Bau von Häusern
aus Stein
• Impfung: mehrere Impfstoffe entwickelt, aber kein Impfschutz
gegen Lungenpest, kurze Wirksamkeit, erhebliche Nebenwirkungen - 32Welche Schritte waren notwendig, um zu wirkungsvollen Empfehlungen zur Prävention zu gelangen?• Beschreibung der Krankheit (welche Symptome gehören
zusammen, welche gehören nicht dazu)
• Entwicklung der notwendigen Technologien
• Entdeckung des Erregers
• Entdeckung des Übertragungsweges
• Entdeckung des 2. Übertragungsweges
• Entwicklung von Maßnahmen zur Reduktion der
Übertragungswahrscheinlichkeit
• (Entwicklung von Impfstoffen) - 33Historische Entwicklung von Ernährungsempfehlungen am Beispiel USA:Anfang des 20. Jhdts: erste Empfehlungen zur gesunden Ernährung für
Kinder, später Erwachsene; Fokus auf „schützenden“ Nahrungsmitteln
1943: „Basic Seven“ (siehe Abb. weiter vorne) – sollte Versorgung mit
allen wichtigen Nährstoffen sicherstellen
1956: „Basic Four“ (Milchprodukte, Brot/Getreide, Obst/Gemüse,
Fleisch) – Basisversorgung, mit Mengenangaben
1977: Dietary Guidelines for Americans mit genauen Prozentangaben
für jede Nahrungsmittelgruppe; seither mehrfach aktualisiert
1984: Ernährungskreis
1992: Ernährungspyramide - 34Wer setzt Ernährungsziele?Spiekermann (2000): „Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und
Medien versuchen auf eigene, gleichwohl eng miteinander
verwobene Weise die jeweils rechte Ernährung vorzugeben.“
1881: Voit‘sches Kostmaß – ermittelte Energieverbrauch von
Menschen und leitete optimale Versorgung ab (Eiweiß, Fett,
Kohlenhydrate in ausreichender Menge und richtiger
Zusammensetzung); großer Einfluss auf Politik - 35Verschiedene Motive für die Vorgabe von Ernährungszielen durch die Politik:notwendige Rationierung knapper
Lebensmittel; der Bürger als Arbeitskraft, als Soldat, als
Belastung für das Gesundheitssystem…; Umgang mit
Nahrungsmangel vs Umgang mit Nahrungsüberfluss - 36Wie kann man Zusammenhänge zwischen Ernährung und Erkrankungen bei Menschen wissenschaftlich untersuchen?Mit epidemiologischer Forschung!
- 37Nurses‘ Health StudyEine der größten epidemiologischen Kohortenstudien zu
Gesundheitsfragen
3 Phasen - 383 Phasen der Nurses' Health StudySeit 1970: Ziel = Identifikation von Langzeit-Risikofaktoren für
Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen bei Frauen
122.000 Teilnehmerinnen (90% noch immer in der Studie!)
Seit 1989: Ziel = Untersuchung des Einflusses von Ernährung und
Lebensstil
116.000 Teilnehmerinnen (90% noch immer in der Studie!)
Seit 2010: Ziel = Untersuchung der Bereiche Lebensstil,
Fortpflanzung, Umwelt und Arbeitsrisiken - 39Nurses‘ Health Study – Stichprobe Phase 1:• Öffentliches Register von Krankenschwestern; 11 bevölkerungsreichste US-Bundesstaaten (California, Connecticut, Florida,
Maryland, Massachusetts, Michigan, New Jersey, New York,
Ohio, Pennsylvania, Texas);
• Verheiratete lizenzierte Krankenschwestern, die 1976
30-55 Jahre alt waren
• Rund 238.000 Frauen erfüllten die Einschlusskriterien
• 3-malige Aussendung der Fragebögen im Jahr 1976
• Insgesamt 65.000 Fragebögen nicht zustellbar; von den
172.000 zustellbaren wurden 122.000 ausgefüllt
zurückgeschickt (71%)• Alle 2 Jahre Folge-Fragebogen mit Fragen zu Erkrankungen und
zur Gesundheit, zB Rauchen, Einnahme von Hormonpräparaten
• Ab 1980 zusätzlich alle 4 Jahre ein Fragebögen zum
Ernährungsverhalten
• Ab 1992 zusätzlich ein Fragebogen zur Lebensqualität
• Zusätzlich verschiedene Spezial-Fragebögen an verschiedene
Teilstichproben
• Zusätzlich Proben (Blut, Harn…) von verschiedenen
Teilstichproben zur Identifikation genetischer und anderer
biologischer Marker - 40Nurses‘ Health Study – Stichprobe Phase 2:• Mehr Infos zu Kindheit und Jugend
• Schwerpunkt auf Einfluss von Hormonen in Jugend und frühem
Erwachsenenalter - 41Nurses‘ Health Study – Stichprobe Phase 3:• Komplett webbasiert
• Auch mit anderen Gesundheitsberufen
• Auch mit männlichen Krankenpflegern
• Stärkere Berücksichtigung von ethnischer Diversität - 42Nurses‘ Health Study ̶Ergebnisse Ernährung (Auswahl)• Alkoholkonsum erhöht das Risiko für Brustkrebs.
• Mediterrane Ernährung senkt das Risiko für KHK und
Schlaganfall, Transfette und raffinierte Kohlenhydrate erhöhen
das Risiko.
• Hoher Konsum von rotem Fleisch und Wurstwaren erhöht das
Risiko für Darmkrebs.
• Hoher Konsum von Gemüse, vor allem grünem Blattgemüse,
senkt das Risiko eines kognitiven Abbaus im Alter.
• Übergewicht erhöht das Risiko für postmenopausalen
Brustkrebs, Darmkrebs, KHK und Schlaganfall. - 43Nurses‘ Health Study ̶andere Ergebnisse (Auswahl)• Rauchen erhöht das Risiko für KHK, Schlaganfall, Darmkrebs,
Hüftfrakturen und verschiedene Augenerkrankungen.
• Während der Einnahme der „Pille“ ist das Risiko für Brustkrebs
und für KHK und Schlaganfall erhöht; nach dem Absetzen
normalisiert sich das Risiko wieder.
• Die Einnahme einer Hormonersatztherapie in der Menopause
erhöht ab einer bestimmten Dauer das Brustkrebsrisiko.
• Bewegung senkt das Risiko für Brust- und Darmkrebs,
verbessert das Überleben nach Brustkrebs, senkt das Risiko für
KHK, Schlaganfall, Hüftfrakturen und für kognitive
Beeinträchtigungen. - 44Probleme bei epidemiologischen Studien wie der Nurses‘ Health Study:• Enorm aufwändig und teuer
• Basiert großteils auf Selbstauskünften der TeilnehmerInnen;
Angaben daher nur bedingt verlässlich
• TeilnehmerInnen gehen mit der Zeit „verloren“
(fallen aus der Studie)
• Wie weit können die Ergebnisse verallgemeinert werden?
• Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge können nicht
mit letzter Sicherheit festgestellt werden - 45ConclusioHeutige Gesundheitsempfehlungen basieren zunehmend auf
den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, dh auf den
Ergebnissen wissenschaftlicher Studien, deren Qualität nach
definierten Maßstäben gesichert wird.
Als Grundlage kommen, sofern bekannt, Ursache-WirkungsZusammenhänge (vgl. Pest) oder epidemiologisch gefundene
statistische Zusammenhänge (vgl. Ernährung) in Frage.
Der Stand der Forschung entwickelt sich in vielen Bereichen
kontinuierlich weiter. In der Folge verändern sich auch
Gesundheitsempfehlungen.
Neben der Wissenschaft beeinflussen auch Politik, Wirtschaft und Medien die aktuellen Gesundheitsempfehlungen. - 46Basisdaten: Österreichs Bevölkerung in den 2010er-Jahren (1)• 8,48 Millionen ÖsterreicherInnen
• 2,35 Millionen Familien, davon 1,40 Millionen Familien
(59,6%), in denen Kinder leben
• 173.000 Ein-Eltern-Familien mit abhängigen Kindern <27
Jahren bzw. 113.000 mit Kindern <15 Jahren (Mütter: 104.000;
Väter: 9.000)
• Mittleres Alter bei der 1. Heirat: 32,2 Jahre bei Männern,
29,8 Jahre bei Frauen
• 40,1% der Ehen werden wieder geschieden (Minimum: Kärnten
35,2; Maximum: Wien 46,4) - 47Basisdaten: Österreichs Bevölkerung in den 2010er-Jahren (2)• Bevölkerung wuchs 2013 um rund 0,66% (55.926 Personen);
Zuwachs ist auf den positiven Wanderungssaldo zurückzuführen (Geburtenbilanz leicht negativ)
• 16% der in Österreich lebenden Personen sind in einem
anderen Land geboren, in Wien 31%
• Die Gesamtfruchtbarkeitsrate pro Frau liegt mit 1,44
(Spanne: 1,27-1,55) etwas unter dem EU-Durchschnitt mit
1,55 (Maximum: Irland und Frankreich 2,01, Minimum:
Portugal 1,28).
• Mediane Lebenserwartung für 2013 Geborene: 78,5 Jahren
für männliche und 83,6 Jahren für weiblichen Babys
• 5,24 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen
20 und 65 Jahren stehen 3,24 Millionen Menschen <20 und
>65 Jahren gegenüber - 48TodesursachenDie häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen
(43%).
Die zweithäufigste ist Krebs (25%). - 49Chronische körperliche Erkrankungen• Krankheiten, die das Ergebnis eines längeren Prozesses
degenerativer Veränderung sind; sowie
• Krankheiten, die bleibende gesundheitliche Schäden oder
Behinderung zur Folge haben
Heilt eine Krankheit nicht aus oder kann ihre Ursache nicht
beseitigt werden, kommt es zur Chronifizierung. Dabei können
chronische Erkrankungen auch phasenhaft verlaufen, zB
Rheumatoide Arthritis mit „Krankheitsschüben“. - 50Chronische körperliche Erkrankungen (1)• Jede/r 3. ÖsterreicherIn gibt an, irgendwann einmal unter
Wirbelsäulenbeschwerden gelitten zu haben (Männer 36%,
Frauen: 39%). Mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit
des Auftretens dieses gesundheitlichen Problems an, unter
den Über-75-Jährigen haben 47% der Männer und 52% der
Frauen Wirbelsäulenbeschwerden.
• Allergien (inkl. Asthma) sind ebenfalls relativ weit verbreitet:
Jede fünfte Person ist davon betroffen, Frauen häufiger als
Männer (24% bzw. 18%). Im Gegensatz zu anderen chronischen
Krankheiten treten Allergien bei jungen Personen am
häufigsten auf. - 51Chronische körperliche Erkrankungen (2)• Große geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es im
Auftreten von Migräne oder häufigen Kopfschmerzen. Jede
vierte Frau, aber nur jeder neunte Mann leidet unter diesem
Gesundheitsproblem (Frauen: 26%, Männer: 11%). Am
häufigsten ist die Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen
betroffen (Frauen: 30%, Männer: 13%).
• 6% der österreichischen Bevölkerung wissen, dass sie an
Diabetes erkrankt sind, wobei die tatsächliche Prävalenz auf 8-
9% geschätzt wird. Der Anteil der Betroffenen nimmt mit dem
Alter zu, wobei auch schon Kinder erkranken können. - 52Chronische körperliche Erkrankungen (3)• Ein Fünftel der Bevölkerung berichtet einen erhöhten
Blutdruck (gehabt) zu haben (Männer: 20%, Frauen: 23%).
• 13% der Männer und 20% der Frauen sind von Arthrose,
Arthritis und Gelenksrheumatismus betroffen. Während im
jungen Erwachsenenalter kaum Personen über diese Gruppe
von Krankheiten klagen, ist es bei den 45- bis 59-Jährigen
bereits jeder 5., bei den 60- bis 74-Jährigen jeder 3. und bei
den über 75-Jährigen jeder 2. Mensch.
• Eine Erkrankung, die vor allem bei Frauen im höheren Alter
auftritt, ist Osteoporose: Jede 4. Frau über 60 leidet an dieser
Erkrankung des Bewegungsapparates, aber nur rund 4% der
Männer in dieser Altersgruppe sind davon betroffen. - 53Psychische ErkrankungenEine Meta-Analyse ergab folgende 1-Jahres-Prävalenzen für Europa:
• Angststörungen 14,0%
• Affektive Störungen (Depression, Manie) insgesamt 7,8%
• Somatoforme Störungen 6,3%
• Alkoholabhängigkeit 3,4%
• Anorexie 0,2-0,5%, Bulimie 0,1-0,9%
• Nichtorganische Schlafstörungen 7,0%
• Borderline-Persönlichkeitsst. 0,7%, Dissoziale Persönlichkeitsst. 0,6%
• Demenzen 5,4%
• ADHD 5,0%
Insgesamt leiden jedes Jahr 27,4% der erwachsenen europäischen
Bevölkerung am Vollbild einer psychischen Störung; das entspricht
(unter Berücksichtigung der Komorbiditäten) 118 Mio. Menschen. - 54Suizidalität• In Ö traditionell sehr hohe Suizidrate; in den letzten 30 Jahren aber
kontinuierlich gesunken, derzeit bei 12,8 je 100.000 Einwohnern
• In absoluten Zahlen bedeutet das, dass sich 2012 knapp 1.300
Menschen das Leben nahmen. Zum Vergleich: 2012 starben 550
Menschen durch Verkehrsunfälle.
• Über alle Altersgruppen betrachtet, haben österreichische Männer
ein >3x so hohes Suizidrisiko wie Frauen; in jüngeren Jahren und im
hohen Alter ist dieses Verhältnis noch extremer.
• Suizidrisiko steigt mit dem Alter bis in das hohe und höchste Alter:
Suizidrisiko ab dem 85. Lebensjahr ist etwa 3x so hoch wie in der
Durchschnittsbevölkerung
• Zu Suizidversuchen liegen keine verlässlichen Zahlen vor, da sie oft
nicht erkannt bzw. entsprechend dokumentiert werden. Internationalen Studien folgend, muss von 12.000-38.000 Suizidversuchen in
Österreich pro Jahr ausgegangen werden.
(2012) - 55Alkoholkonsum• 5% der österreichischen Bevölkerung sind alkoholabhängig
(7,5% der Männer, 2,5% der Frauen). Dazu kommen weitere
11% der Männer und 8% der Frauen, die Alkoholmengen
trinken, die längerfristig ein erhebliches Gesundheitsrisiko
darstellen (Männer: 3/4l Wein oder 3/2l Bier; Frauen: 2/4l
Wein oder 2/2l Bier). Insgesamt trinken 14% der Erwachsenen
Alkohol in problematischem Ausmaß.
• Fast die Hälfte der 15-jährigen Burschen und ein Drittel der 15-
jährigen Mädchen haben schon Rauscherfahrungen. - 56Prävalenz psychischer Störungen bei österreichischen Jugendlichen: Studie von Wagner et al. (2017)• Punktprävalenz für mind. 1 psychische Störung: 23,9%,
Lebenszeitprävalenz: 35,8% (Angststörungen 15,6%;
Störungen der neuronalen Entwicklung (zB Autismus) gesamt
9,3%, davon ADHD 5,2%; depressive Störungen 6,2%)
• 47% mit einer Lebenszeit-Diagnose haben Zweitdiagnose
• Internalisierende Störungen häufiger bei Mädchen, bei
Burschen häufiger Störungen der neuronalen Entwicklung
sowie disruptive, Impulskontroll- und Verhaltensstörungen
• 48% mit Lebenszeit-Diagnose hatten Kontakt mit „Mental
Health Services“
, weitere 18% hätten Interesse daran - 57Was können wir selbst beitragen, um körperlich und psychisch gesund zu bleiben?• Ernährung spielt eine wichtige Rolle in der Entstehung vieler
Krankheiten, zB Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte (nicht
alle) Arten von Krebs, Diabetes…
• Wichtig sind Quantität und Qualität, also wieviel und was wir
essen
• Die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krankheit
können sein:
– Direkt (zuviel oder zuwenig bestimmter Inhaltsstoffe),
– Indirekt (zuviel essen → Übergewicht → Krankheitsrisiko)
– Oder beides (zB Diabetes Typ II: Risiko ist durch falsche
Ernährung auch bei Normalgewichtigen erhöht, aber
Übergewicht steigert das Risiko nochmals) - 58Österreichische Ernährungspyramide (BM f. Gesundheit, 2010)7 Ebenen
- 59Ebene 1: Fettes, Süßes und SalzigesMax. eine Portion süßer oder fetter Snacks pro Tag
Besser Kräuter und Gewürze statt Salz verwenden, stark gesalzene
Lebensmittel vermeiden - 60Ebene 2: Fette und ÖleTäglich 1-2 Esslöffel pflanzliche Öle, Nüsse oder Samen; Qualität
vor Menge
Hochwertige pflanzliche Öle sowie Nüsse und Samen enthalten
wertvolle Fettsäuren und können daher in moderaten Mengen
täglich konsumiert werden. Streich-, Back- und Bratfette wie
Butter, Margarine oder Schmalz und fettreiche Milchprodukte wie
Schlagobers, Sauerrahm, Crème Fraîche sparsam verwenden - 61Ebene 3: Fisch, Fleisch, Wurst und EierPro Woche mind. 1-2 Portionen Fisch (je 150 g), bevorzugt fettreichen Seefisch (zB Makrele, Lachs, Thunfisch, Hering) oder
heimischen Kaltwasserfisch (zB Saibling)
Pro Woche max. 3 Portionen fettarmes Fleisch oder fettarme
Wurstwaren (300-450 g pro Woche). Rotes Fleisch (zB Rind,
Schwein und Lamm) und Wurstwaren eher selten essen.
Pro Woche max. 3 Eier (diese Empfehlung wird evtl. in der
nächsten Zeit weniger strikt) - 62Ebene 4: Milch und MilchprodukteTäglich 3 Portionen Milch und Milchprodukte, bevorzugt fettarme Varianten. 1 Portion entspricht: 200ml Milch , 180-250g
Joghurt, 200g Topfen oder Hüttenkäse, 50-60g Käse. Optimal
sind 2 Portionen „weiß" (zB Joghurt, Buttermilch, Hüttenkäse)
und 1 Portion „gelb" (Käse) - 63Ebene 5: Getreide und ErdäpfelTäglich 4 Portionen Getreide, Brot, Nudeln, Reis oder Erdäpfel
(5 Portionen für sportlich Aktive und Kinder). 1 Portion entspricht:
50-70g Brot/Gebäck, 50-60g Müsli/ Getreideflocken, 200-250g
Teigwaren (gekocht), 150-180g Reis/Getreide (gekocht), 3-4
mittelgroßeErdäpfel; bevorzugt Produkte aus Vollkorn - 64Ebene 6: Gemüse, Hülsenfrüchte und ObstTäglich 5 Portionen Gemüse, Hülsenfrüchte und Obst; ideal sind
3 Portionen Gemüse/Hülsenfrüchte und 2 Portionen Obst.
1 Portion entspricht: 200-300g Gemüse (gegart), 100-200g
Rohkost, 75-100g Salat, 150-200g Hülsenfrüchte (gekocht),
125-150g Obst, 200 ml Gemüse- oder Obstsaft.
Faustregel: Eine geballte Faust entspricht einer Portion Obst,
Gemüse oder Hülsenfrüchte. Gemüse zum Teil roh essen, das
saisonale und regionale Angebot beachten - 65Ebene 7: Alkoholfreie GetränkeTäglich mind. 1,5 Liter Flüssigkeit, bevorzugt energiearme
Getränke: Wasser, Mineralwasser, ungezuckerte Früchte- oder
Kräutertees, verdünnte Obst- und Gemüsesäfte
Gegen den täglichen moderaten Konsum von Kaffee/ Schwarztee
(3-4 Tassen) und anderen koffeinhaltigen Getränken ist nichts
einzuwenden - 66Übergewicht bzw. Adipositas erhöhen das Risiko für:• Arteriosklerose
• Bluthochdruck
• Erhöhten Cholesterin-Spiegel
• Herz-Kreislauf-Erkrankungen
• Diabetes mellitus Typ II
• Brust-, Dickdarm-, Gebärmutter- und Nierenkrebs
• Gicht
• Gallensteine
• Schlaf-Apnoe-Syndrom
• Gelenkserkrankungen, zB Arthrosen - 67Wann erkranken Übergewichtige?Nicht jede/r Übergewichtige wird krank.
Das Krankheitsrisiko steigt mit Höhe und Dauer des Übergewichts.
Die Körperform („Apfel-/Birnentyp“) hat ebenfalls Einfluss. - 68Das Adipositas-ParadoxonMehrere Meta-Analysen
zeigen, dass leichtes Übergewicht (BMI 25-30) zwar das
Krankheitsrisiko insgesamt erhöht, aber die Sterblichkeit
etwas verringert. Starkes Übergewicht (Adipositas,
BMI >30) erhöht sowohl das Krankheitsrisiko als auch
die Mortalität.
Gründe: nicht eindeutig geklärt - 69Trinken• Zu geringe oder zu hohe Flüssigkeitsaufnahme spielt de facto in
der gesunden Allgemeinbevölkerung keine große Rolle in der
Krankheitsentstehung (Ausnahmen: Säuglinge und Kleinkinder
zB bei Fieber, Menschen mit bestehender Vorerkrankung der
Nieren oder Neigung zu Blasenentzündung)
• Berichtet wird von besserem subjektiven Wohlbefinden,
höherer Leistungsfähigkeit
• Ausnahme: Im hohen Alter lässt bei vielen Personen das
Durstgefühl nach; zu geringe Flüssigkeitszufuhr erhöht das
Risiko für Verwirrtheitszustände (Delir) erheblich! - 70Akute Räusche (Alkohol)sind mit Gefahren wie Ersticken, Erfrieren
verbunden - 71Langfristiger Alkoholkonsum in hohen Mengen:• Führt zu Alkoholabhängigkeit
• Ist mit erhöhtem Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht,
Schädigungen von Organen wie der Leber oder Bauchspeicheldrüse, Beeinträchtigungen der Potenz verbunden
• Erhöht das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen (wie
Mund-, Rachen-, Speiseröhren- oder Brustkrebs - 72Extremer und chronischer Alkoholkonsum:kann zu schweren
Schädigungen des Gehirns führen, bis hin zu Delir, Demenz,
Persönlichkeitsveränderungen etc - 73AlkoholOb bzw. in welcher Form mäßig genossener Alkohol positive
Wirkungen auf die Gesundheit hat, ist umstritten; es gibt zB
Hinweise auf einen günstigen Effekt bestimmter Inhaltsstoffe
(Resveratrol…) von Rotwein auf die Blutgefäße.
Jedenfalls ist Alkohol besonders dann schädlich, wenn er extrem
und/oder chronisch konsumiert wird.
Während einer Schwangerschaft sind auch geringe Alkoholmengen mit einem Risiko für Fehlbildungen des Kindes
verbunden (FASD = Fetal Alcohol Spectrum Disorders)! - 74Rauchen & KrebsRund ein Viertel aller Krebstodesfälle sind auf die Folgen des
Rauchens zurückzuführen. RaucherInnen haben ein doppelt so
hohes Krebsrisiko wie NichtraucherInnen. Rauchen ist der
wichtigste vermeidbare Risikofaktor der Krebsentstehung. Das
Krebsrisiko ist umso höher, je früher man mit dem Rauchen
beginnt, je mehr Zigaretten man täglich konsumiert und je
länger man raucht.
Lungenkrebs ist bei RaucherInnen die häufigste Krebserkrankung. Rauchen erhöht auch das Risiko für Krebserkrankungen
der Bronchien, des Kehlkopfs, des Mund-, Nasen- und Rachenraums, der Speiseröhre, der Leber, der Bauchspeicheldrüse,
der Nieren, des Blutes, der Harnblase, der Brust sowie des
Gebärmutterhalses. - 75Rauchen & andere Erkrankungen• Rauchen ist eine der wichtigsten vermeidbaren Ursachen für
die Entstehung von Arteriosklerose. Diese kann zu einem
Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer peripheren arteriellen
Verschlusskrankheit (zB Raucherbein) führen.
• Rauchen ist die häufigste Ursache für COPD (chronisch
obstruktive Lungenerkrankung). 90% der an COPD
erkrankten Personen sind (Ex-)RaucherInnen.
• Die Haut altert bei RaucherInnen vorzeitig. Rauchen
begünstigt Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Akne.
• Frauen, die während der Schwangerschaft rauchen, haben
ein erhöhtes Risiko für Komplikationen; weiters bestehen
Risiken für das Kind, zB für ein niedriges Geburtsgewicht.
• Rauchen erhöht das Risiko für Zahnerkrankungen.
• Rauchen ist ein Risikofaktor für Erektionsprobleme (Männer)
und Fruchtbarkeitsstörungen (Männer und Frauen). - 76NichtrauchenNichtrauchen ist eine der effektivsten
Verhaltensweisen, um die eigene Gesundheit
zu erhalten. - 77Ein Rauchstopp hat folgende Wirkungen:• Nach 20 Minuten sinken Puls und Blutdruck auf normale Werte.
• Nach acht Stunden sinkt der Kohlenmonoxidspiegel im Blut, und
die Sauerstoffwerte im Blut normalisieren sich.
• Nach zwei Tagen ist der Körper frei von Nikotin, Geschmacks- und
Geruchssinn verbessern sich.
• Nach drei Tagen kann man besser atmen.
• Nach zwei Wochen bis drei Monaten verbessert sich der Kreislauf.
• Nach ein bis neun Monaten gehen Hustenanfälle und Kurzatmigkeit
zurück, und die normale Lungenfunktion ist wieder erreicht.
• Nach einem Jahr ist das Risiko eines Herzinfarkts nur noch halb so
groß wie bei einer Raucherin/einem Raucher.
• Nach zehn Jahren ist das Lungenkrebsrisiko nur noch halb so groß
wie wie bei einer Raucherin/einem Raucher - 78Gesundheitlicher Nutzen ausreichender körperlicher Bewegung:• Körpergewicht sinkt (bei gleichbleibender Ernährung)
• Herz-Kreislauf-System wird leistungsfähiger
• Blutdruck sinkt
• Fettstoffwechsel verbessert sich
• Zuckerstoffwechsel verbessert sich
• Muskelkraft verbessert sich
• Knochendichte nimmt zu
• Stützfunktion, Stabilität verbessert sich
• Beweglichkeit, Belastbarkeit der Gelenke nimmt zu
• Immunabwehr verbessert sich
• Gehirnfunktionen verbessern sich
• Psyche: antidepressive Wirkung - 79Bewegung senkt das Risiko für viele weitverbreitete Erkrankungen sowie Verletzungen:• Herz-Kreislauf-Erkrankungen
• Schlaganfall
• Übergewicht und Fettleibigkeit
• Diabetes Typ II
• Krebs (vor allem Darm-, Lungen-, Brust-, Prostatakrebs)
• Depression
• Demenz
• Infektionserkrankungen
• Hüftfrakturen
• Stürze - 80Optimale Wirkung (Bewegung)Auch bei Bewegung hängt die optimale Wirkung von der Dosis ab,
Überdosierung schadet auch beim Sport, zB der Herzgesundheit. - 81Prävention psychischer Störungen:Günstige Verhaltensweisen
wurden bisher fast ausschließlich im Rahmen von Interventionsstudien erforscht (zB angeleitete Trainingskurse), nicht im Sinn
von Selbstanwendung - 82Was wirkt (auf individueller Ebene)?• Förderung von Resilienz
• Förderung der Stressverarbeitungskompetenz
• Förderung der Konfliktlösefähigkeiten
• Förderung von Selbstfürsorge
• Förderung von Selbstwirksamkeit
• Stärkung des sozialen Netzes
• Früherkennung von erhöhtem Risiko, gezielte Hilfe
(zB Suizidprophylaxe, Healthy Aging) - 83Allgemein bekannte Faktoren, die für die psychische Verfassung förderlich sind: zB• Soziale Unterstützung/Integration
• Als sinnhaft erlebte Tätigkeiten
• Balance zwischen „Sollen“ und „Wollen“
• Ausreichend Bewegung - 84Mögliche Zusammenhänge Ernährung/Darmflora/Psyche:• Veränderte Darmflora bei Posttraumatischer Belastungsstörung,
Depression, Angststörungen
• Unter Stress kann Vielfalt nützlicher Darmbakterien reduziert sein;
Darmschleimhaut wird durchlässiger, mehr Antigene gelangen
hindurch; Immunzellen schlagen Alarm, rufen Entzündungsreaktionen hervor; entzündungsfördernde Zytokine werden produziert;
diese wirken auch auf das Gehirn
• Im Darm erfolgtauch großer Teil der Serotoninproduktion - 85Warum ist es für viele Menschen so schwierig, sich gesundheitsförderlich zu verhalten?Ein Hauptproblem besteht darin, dass die Belohnung
für das Verhalten nicht unmittelbar eintritt
Gratifikationsaufschub! - 86Das Marshmallow-ExperimentIn den 1960er-Jahren entwickelte W. Mischel ein Experiment, um
die Fähigkeit von 4-5jährigen Kindern zum Belohnungsaufschub
zu untersuchen. Die Kinder bekamen ein Marshmallow und
konnten sich entscheiden: Entweder sie aßen es gleich, oder sie
warteten 15 Minuten und bekamen ein zweites dazu.
Diejenigen Kinder, die lange warten konnten, waren
10 Jahre später im Durchschnitt schulisch erfolgreicher, konnten
besser mit Frustrationen umgehen, waren selbstbewusster etc.
20 Jahre später hatten sie eine bessere Ausbildung, stabilere
Beziehungen, nahmen seltener Drogen, waren seltener
übergewichtig etc. - 87Neuropsychologische Grundlage (des Marshmellow Experiments)Das Limbische System ist Sitz
von Emotionen und instinktiven Reaktionen („Hot System“); auf
einen Appetitreiz reagiert es mit dem Impuls zu essen. Der
Präfrontale Cortex ist Sitz der Imagination, der Impulskontrolle
und der Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen („Cool System“) –
der Impuls zu essen kann zurückgehalten werden, indem der
Präfrontale Cortex das Limbische System „überstimmt“.
Die Fähigkeit zum Gratifikationsaufschub ist trainierbar!
Die Selbstkontrolle kann durch eine Vielzahl von Strategien
verbessert werden. - 88Verhalten vs. anderen FaktorenZusammenfassend kann man sagen, dass unser Verhalten unsere
Gesundheit in vielerlei Hinsicht beeinflusst. - 89Sind wir also alles in allem allein für unsere Gesundheit verantwortlich?Nein!
- 90Einfluss auf die Gesundheit haben neben unserem Gesundheitsverhalten auch:• Soziale Beziehungen, sozialer Status
• Medizinische Versorgung, Hygiene
• Sozioökonomische Faktoren: existenzielle Sicherheit,
Armut/Reichtum, Ausprägung der sozialen und ökonomischen
Ungleichheit
• Schwierige frühe Kindheit (Auswirkung auf Stressverarbeitung)
• Und anderes mehr - 91Europäischer Kodex zur Krebsbekämpfung1. Rauchen Sie nicht. Wenn Ihnen dies nicht gelingt, rauchen Sie
nicht in Anwesenheit von Nichtrauchern, vor allem Kindern.
2. Vermeiden Sie Übergewicht.
3. Bewegen Sie sich täglich.
4. Essen Sie mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse pro
Tag. Essen Sie wenig tierisches Fett.
5. Beschränken Sie Ihren Alkoholkonsum auf maximal
2 Gläser/Tag als Mann bzw. auf 1 Glas/Tag als Frau.
6. Vermeiden Sie übermäßige Sonnenbestrahlung. Besonders
Kinder und Jugendliche müssen geschützt werden.
7. Halten Sie genauestens Vorschriften ein, die Sie vor einer
Exposition gegenüber bekannten krebserregenden Stoffen
schützen sollen. - 92Gesundheitsverhalten:Verhaltensweisen, die (nach dem
Stand der Forschung) die körperlichen, psychischen,
sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Dimensionen
der Gesundheit einer Person direkt oder indirekt fördern
bzw. aufrechterhalten und Krankheiten vorbeugen –
unabhängig von der Motivation der Person sowie davon,
ob diese bewusst, unbewusst oder automatisiert ablaufen;
auch Reduktion bzw. Modifikation von gesundheitsbeeinträchtigenden Verhaltensweisen1
zB körperliche Aktivität, Ernährung, Teilnahme an
Früherkennungsuntersuchungen, Rauchstopp… - 93Risikoverhalten:Verhaltensweisen, die kurz-, mitteloder langfristig die Gesundheit einer Person gefährden
oder beeinträchtigen bzw. das Entstehen von Krankheiten fördern – direkt oder indirekt, bewusst oder
unbewusst, intendiert oder nicht intendiert; auch
Unterlassen von gesundheitsförderlichem Verhalten1
zB Alkohol- und Drogenmissbrauch, suboptimaler
Umgang mit Diabetes… - 94Modelle des Gesundheitsverhaltens• Kontinuierliche Modelle: Person befindet sich auf
Kontinuum der Verhaltenswahrscheinlichkeit;
Wahrscheinlichkeit zu handeln hängt von Ausprägung
bestimmter kognitiver bzw. affektiver Variablen ab
• Dynamische Stadienmodelle: Person durchläuft
während Verhaltensänderung verschiedene Stadien,
die sich qualitativ unterscheiden - 95• Kontinuierliche Modelle:Health-Belief-Modell (Rosenstock, 1966 etc)
Sozial-kognitive Theorie (Bandura, 1977, 1986)
Theory of Planned Behavior (Ajzen, 1985)
Volitionale Modelle - 96• Dynamische Stadienmodelle:Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung
(TTM, Prochaska & DiClemente, 1983)
Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (HAPA,
Schwarzer, 1992) - 97Kontinuierliche Modelle des Gesundheitsverhaltens Grundannahme:Kognitionen von zentraler Bedeutung,
ob sich Individuum gesundheitsförderlich verhält oder
nicht; Gesundheitsverhalten wird speziell von folgenden
Faktoren beeinflusst:
1. Erlebte Bedrohung durch eine Krankheit
a) Subjektive Vulnerabilität
b) Schweregrad einer Erkrankung/antizipierte Folgen
2. Wahrgenommenen Wirksamkeit der gesundheitsförderlichen Verhaltensweise
a) Subjektiver Nutzen
b) Subjektive Kosten
Revidiertes Modell1
:
3. Gesundheitsmotivation: Bereitschaft, sich um
gesundheitliche Fragen zu kümmern
Modifizierende Faktoren: soziodemographische
Variablen, Persönlichkeitsvariablen und handlungsaktivierende Variablen (zB Gesundheitskampagnen,
Wahrnehmung von Krankheitssymptomen) - 98Voraussetzung für realistische Einschätzungen:adäquate
Vorinformationen
Günstig: Erfahrungen mit Gesundheitsverhalten (zB
Sport wird bei regelmäßiger Ausübung positiv erlebt) - 99Forschungsergebnisse (Health-Belief-Modell)Erlebte Bedrohung und
wahrgenommene Wirksamkeit haben keinen hohen
Vorhersagewert für Gesundheitsverhalten (zB erzeugt
subjektive Vulnerabilität Angst, und zwischen Angst und
Handlungswahrscheinlichkeit besteht ein U-förmiger
Zusammenhang) - 100Forschungsergebnisse zur subjektiven RisikoeinschätzungZB „optimistischer Fehlschluss“: In >100 Studien wurde
gezeigt, dass Menschen ihr eigenes Erkrankungsrisiko
geringer einschätzen als jenes vergleichbarer (!)
Mitmenschen - 101Sozial-Kognitive-Theorie (Grundannahme)Kognitive, motivationale, emotionale
und aktionale Prozesse werden durch subjektive
Erwartungen gesteuert, vor allem durch Selbstwirksamkeits- und Handlungsergebniserwartungen
Handlungsergebniserwartungen: Welche positiven und
negativen Konsequenzen würden die verschiedenen
Handlungsalternativen haben?
Selbstwirksamkeit(serwartungen): Glaube ich, dass ich
es schaffen werde, ein Verhalten tatsächlich
umzusetzen? - 102Studienergebnisse: Personen mit höherer Selbstwirksamkeit …… setzen sich höhere Ziele.
… beginnen Handlungen schneller.
… strengen sich mehr an.
… geben nicht so schnell auf.
… erholen sich schneller von Rückschlägen.
Selbstwirksamkeit ist in diesem Modell bereichsspezifisch! - 103Wie kann Selbstwirksamkeit gefördert werden?1. Erfahrung, dass eine Handlung erfolgreich ausgeführt wurde (und die Ursache für den Erfolg in der
eigenen Person gesehen wird)
2. Stellvertretende Erfahrung anhand eines „Modells“
3. Symbolische Erfahrung (Stärkung durch das
Vertrauen anderer)
4. Emotionale Erregung kann die Selbstwirksamkeitserwartung senken - 104Theory of Planned Behavior (TPB)Die TPB entstammt der Sozialpsychologie und ist eine
Erweiterung der Theory of Reasoned Action/Theorie der
Handlungsveranlassung (Fishbein & Ajzen, 1975), die
den Zusammenhang zwischen Einstellung und Handlung
untersuchte und als Zwischenglied die Intention
postulierte.
Intention: bewusste Entscheidung einer Person, ein
bestimmtes Verhalten auszuführen oder ein bestimmtes
Ziel zu erreichen; gemäß der Theorie bester Prädiktor
des Verhaltens - 105Die Intention ist von 3 Faktoren abhängig:• Von der Einstellung gegenüber dem Verhalten,
dh seine affektiv getönte Bewertung
• Von den sozialen Normen (Erwartung, wie
nahestehende Personen das geplante Verhalten der
Person bewerten würden)
• Von der wahrgenommene Verhaltenskontrolle
(Erwartung, wie einfach oder schwierig die
Ausführung des geplanten Verhaltens wird) - 106Beispielfragen (nach dem Schulnotenprinzip zu beantworten) - TBP• Einstellung: Regelmäßig Sport zu betreiben ist für
mich (1) angenehm bis (5) unangenehm.
• Soziale Normen: Mein Partner findet, dass ich (1)
unbedingt bis (5) keinesfalls regelmäßig Sport
betreiben sollte.
• Wahrgenommene Verhaltenskontrolle: Regelmäßig
Sport zu betreiben ist für mich (1) sehr gut möglich
bis (5) völlig unmöglich. - 107Forschungsergebnisse: (TPB)• Die sozialen Normen haben meist den geringsten
Effekt (weil sie zu allgemein erfasst werden?)
• In vielen Studien zu verschiedenen Gesundheitsbereichen gelang Vorhersage der Intention gut, die
Vorhersage des Verhaltens deutlich schlechter. - 108Die Intentions-Verhaltens-Lücke (Problem)Die Intention kann das tatsächliche Gesundheitsverhalten nur zu 20-30% erklären.
- 109 Es muss einen Zwischenschritt zwischen Intention und Handlung geben! Unterscheidung zwischen:Motivation = Prozess der Bildung einer Intention
Volition = Prozess der Umsetzung der Intention
in konkretes Handeln
Es reicht daher auch nicht aus, Menschen zu motivieren
– man muss sie auch in der Umsetzung unterstützen! - 110Volitionale ModelleMehrere Modelle, die sich spezifisch mit der Umsetzung
von Intention in Handlung befassen
Wichtige Faktoren dabei sind zB:
Handlungs- oder Ausführungsplanung (zB „Um mehr
Obst zu essen, werde ich jeden Tag im Büro am
Vormittag einen Apfel essen.“)
Bewältigungsplanung („Welche Schwierigkeiten könnte
ich dabei haben? Wie kann ich damit umgehen?“) - 111Dynamische Stadienmodelle des GesundheitsverhaltensTranstheoretisches Modell (TTM)
Prozessmodell gesundheitlichen Handelns - 112Das Transtheoretisches Modell (TTM) postuliert 6 Stufen der Verhaltensänderung:1. Präkontemplation: In den nächsten 6 Monaten werde ich
mein Verhalten sicher nicht ändern.
2. Kontemplation: Hm, also noch nicht nächsten Monat… aber
ich denke schon darüber nach, mein Verhalten zu ändern.
Was hätte das für Vorteile und Nachteile?
3. Vorbereitung: Jetzt geh‘ ich‘s an!
4. Handlung: Ich habe mein Verhalten vor kurzem geändert.
5. Aufrechterhaltung: Ich übe seit 6 Monaten mein neues
Verhalten aus und will auch weiter nicht rückfällig werden.
6. Stabilisierung: Jetzt ist es schon 5 Jahre her, dass ich mein
Verhalten geändert habe! Ich werde sicher nicht mehr
rückfällig. - 113Was bedeuten spiralförmiger Prozess und ",mindsets" beim TTM?Ursprünglich war der Veränderungsprozess linear konzipiert; da häufig Rückfälle auftreten, sieht das TTM nun
einen spiralförmigen Prozess vor.
In den verschiedenen Stadien treten typische
„mindsets“ auf; Variablen wie Selbstwirksamkeit und
Handlungsergebniserwartung sind jeweils unterschiedlich relevant - 114Weiters werden je 5 kognitiv-affektive und 5 verhaltensorientierte Prozesse der Verhaltensänderung definiert, die sich jeweils für bestimm-te Stadien besonders eignen (TTM)zB „Bewusstseinserhöhung“: Wahrnehmung von Ursachen,
Konsequenzen und möglichen Lösungswegen erhöhen
zB „Gegenkonditionierung“: Problemverhalten durch
alternatives Verhalten ersetzen
Interventionen können abgeleitet werden! - 115Forschungsergebnisse (TTM)Vor allem das Auftreten verschiedener Prozesse in
unterschiedlichen Stadien wurde untersucht; die
Stadieneinteilung passt zB besser bei der Raucherentwöhnung als bei körperlicher Aktivität - 116Kritik TTMunter anderem willkürliche Setzung der Zeitkriterien, Zuordnung von Personen zu den Stadien nicht
immer eindeutig möglich - 117Prozessmodell gesundheitlichen Handelns Health Action Process Approach (HAPA)„Hybridmodell“ – teils kontinuierlich, teils an Stadien
orientiert
Ausgangspunkt ist die Risikowahrnehmung, die unter
Einbeziehung von Handlungsergebniserwartungen und
Selbstwirksamkeit die Intention beeinflusst. Über die
Phase der Handlungs- und Bewältigungsplanung kommt
es zur Handlung. Dabei wird zwischen motivationaler
und volitionaler Phase unterschieden. - 118Prozessmodell gesundheitlichen Handelns ForschungsergebnisseAus dem Modell abgeleitete,
spezifische Vorhersagen konnten in einigen Studien
bestätigt werden. - 119Prozessmodell gesundheitlichen Handelns KritikDas Modell überwindet zwar die Problematik der
Intentions-Verhaltens-Lücke der kontinuierlichen
Modelle. Für manche Bereiche sind aber Modelle mit
mehr Phasen der Veränderung besser geeignet. - 120Definition: RückfallRückfall = Rückkehr zum Risikoverhalten
a) Vorübergehend oder
b) Dauerhaft - 121Rückfallforschungstammt ursprünglich von Suchtforschung ab (vor allem über Alkoholabhängigkeit), in
der Gesundheitspsychologie wird die Thematik aber in
Bezug auf alle Risikoverhaltensweisen untersucht.
Zentrale Frage: Wie gehen Menschen mit Versuchungen
und Ausrutschern um? - 122Sucht & RückfallVorstellungen über Rückfälle hängen von Vorstellungen
über Sucht ab:
1. Modell der Sucht als moralisches Defizit
2. Modell der Sucht als Krankheit
3. Sozial-kognitive Perspektive: Selbstkontrollmodell
der Sucht - 123Modell der Sucht als moralisches Defizit• Sucht entsteht durch Willens- und Charakterschwäche
• Rückfall durch diese Schwäche bedingt
• Rückfallprophylaxe durch moralische Stärkung (??) - 1242. Modell der Sucht als Krankheit• Sucht ist auf genetische Faktoren zurückzuführen,
Abhängigkeit ist körperlich bedingt
• Rückfall liegt nicht in der Kontrolle der Betroffenen
• Rückfallprophylaxe nur durch völlige Abstinenz möglich
• Wird zB von den „Anonymen Alkoholikern“ vertreten:
Heilung ist unmöglich, man ist lebenslang Alkoholiker;
Rückfall: ein Schluck Alkohol = Krankheit ist wieder voll
ausgebrochen - 125Kritik am Modell der Sucht als Krankheit:• Es gibt nur „abstinent“ oder „rückfällig“.
• Rückfall wird als Ausdruck des Scheiterns, des Versagens
von Patient/in, Therapeut/in und Behandlung erlebt
• Wenn Rückfall als unkontrollierbar gesehen wird, steigt
die Wahrscheinlichkeit des Weitertrinkens - 126 Abstinenz-Verletzungs-EffektNach dem ersten Schluck
entstehen Schuldgefühle; die Gründe für den Rückfall
werden ungünstig attribuiert („Ich bin zu willensschwach,
um trocken zu bleiben“). Beides erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen schwerwiegenden oder dauerhaften Rückfall. - 1273. Sozial-kognitive Perspektive: Selbstkontrollmodell der Sucht• Sucht ist erworbenes Gewohnheitsmuster und kann
wieder verlernt werden
• Suchtverhalten oft in Stressituationen
• Angenehme Konsequenzen des Verhaltens folgen
unmittelbar, unangenehme erst viel später, erhöhen
aber den Stresslevel
• Sucht kann somit als fehlangepasste Stressbewältigungsstrategie verstanden werden• Am Erwerb günstiger wie ungünstiger Verhaltensweisen sind verschiedene Faktoren beteiligt, viele
davon stehen nicht unter der Kontrolle des
Individuums
• Die Beendigung des ungünstigen Verhaltens liegt aber
in der Verantwortung des Betroffenen (der sich dazu
auch Hilfe suchen kann)
• Bei der Beendigung gibt es drei Phasen: Motivation
(bis zur Bildung einer Intention), Handlung (Ändern
des Verhaltens) und Aufrechterhaltung• Beim Prozess des Verlernens kann es zu Ausrutschern
kommen, dh Fehlern, die normaler Teil des Veränderungsprozesses sind
• Aus solchen Fehlern kann gelernt werden
• Als „Rückfall“ gilt erst eine dauerhafte Rückkehr zum
süchtigen Verhalten
• „Kontrolliertes Trinken“ ist ebenso ein Erfolg wie
Abstinenz - 128Marlatt (1996; Marlatt & Gordon, 1985) entwickelte auf dieser Basis das sozial-kognitive Modell des Rückfallprozesses• Sucht ist gelerntes Verhalten und kann durch einen
Prozess wieder verlernt werden
• Zentrale Rolle spielen Hochrisikosituationen
• Bedingungen, die Hochrisikosituationen begünstigen,
können individuell identifiziert werden
• Es gibt Strategien, welche die Wahrscheinlichkeit von
Rückfällen reduzieren
• Kann auf alle Suchtformen angewandt werden - 1294 Kategorien von typischen Hochrisikosituationen:1. Negative emotionale Zustände, zB Angst, Ärger,
Frustration, Langeweile
2. Negative soziale Situationen, zB Konflikte, Einsamkeit
3. Sozialer Druck, zB durch die süchtige Peer group
4. Verschiedenes: Positive emotionale Zustände,
alkoholbezogene Reize, unspezifisches Verlangen,
Testen der eigenen Willensstärke
Auf 1.-3. folgen ca. ¾ aller Rückfälle; besonders häufiger
Anlass: negative emotionale Zustände - 130Hochrisikosituationen haben verdeckte Vorbedingungen wie etwa:• Scheinbar irrelevante Entscheidungen (zB Alkohol
kaufen, weil Freunde kommen könnten)
• Lebensstilfaktoren (zB unausgewogener Anteil von
Wollen und Sollen im Leben) - 131Kommt es zu einem Ausrutscher, ist die Attribuierung (Ursachenzuschreibung) entscheidend:• internal - external
• stabil - variabel
• global - spezifisch
Besonders ungünstig: internal, stabil und global
Besonders günstig: external, variabel und spezifisch
Durch die Attribuierung wird das Risiko beeinflusst,
ob auf den Ausrutscher ein Rückfall folgt. - 132Interventionsstrategien und Programme zur Rückfallprävention:1. Balance des Lebensstils
2. Maßnahmen zur Identifizierung von Rückfallrisiken
3. Maßnahmen zur Verbesserung der Bewältigungskompetenz
4. Maßnahmen zur Veränderung rückfallbezogener
Kognitionen (zB Attributionen) - 133GesundheitserziehungSeit 19. Jhdt. bis heute, Informationsvermittlung in der Schule, zB über Hygiene; Themen
der öffentlichen Gesundheit - 134Gesundheitsinformation/ GesundheitsaufklärungSeit Beginn 20. Jhdt. bis heute, Information über die schädlichen Folgen
von Risikoverhalten (Prävention) - 135Gesundheitsberatung– individuell zugeschnittene Info wird in
Beratungsgespräch vermittelt (Prävention) - 136GesundheitsförderungDerzeit favorisiertes Modell, Förderung der Gesundheit unter aktiver Einbeziehung der
jeweiligen Zielgruppe und Berücksichtigung ihrer Lebensumstände
und -bedingungen; zielt auf die Stärkung der gesundheitlichen
Entfaltungsmöglichkeiten; einbezogen werden ökonomische,
kulturelle, soziale, bildungsbezogene und hygienische Aspekte - 137Gesundheitsförderung - Definition (WHO, 1986; „Ottawa-Charta“):Gesundheitsförderung ist ein Prozess, der Menschen dazu in die
Lage versetzen soll, mehr Einfluss auf ihren Gesundheitszustand
zu entwickeln und ihre Gesundheit aktiv zu verbessern. Ziel ist die
Erreichung eines Zustandes vollständigen körperlichen, geistigen
und sozialen Wohlbefindens, der dadurch erreicht werden soll,
dass Individuen und Gruppen unterstützt werden, eigene
Wünsche wahrzunehmen und zu realisieren, Bedürfnisse zu
befriedigen, sowie die Umgebung zu verändern oder sich an diese
anzupassen.
Gesundheit ist ein positives Konzept, das sowohl soziale und
individuelle Ressourcen als auch körperliche Fähigkeiten betont.
Aus diesem Grund ist Gesundheitsförderung nicht nur im
Kompetenzbereich des Gesundheitssektors anzusiedeln, sondern
Gesundheitsförderung geht weiter als ein gesunder Lebensstil
zum Wohlbefinden. - 138Wo finden Gesundheitsförderung und andere gesundheitsbezogene Interventionen heute statt?• HausärztInnen
• Arbeitsplatz
• Schulen und Kindergärten
• Gesundheitssystem
• Öffentlicher Raum: Gemeindebasierte Interventionen,
Kampagnen
• Forschungsprojekte - 139Forschungsschwerpunkt an der Universität Wien - GesundheitsförderungGesundheitsförderung für Menschen mit intellektueller
Behinderung (G. Weber)
• Menschen mit IB weisen spezielle Gesundheitsrisiken
auf (Ernährung, Bewegung…)
• Modelle des Gesundheitsverhaltens sind oft nicht
anwendbar, da zB zu komplex
• Eigenes Modell und eigene Interventionsformen
müssen entwickelt werden - 140Wie kann man aus Theorien zum Gesundheitsverhalten konkrete gesundheitspsychologische Interventionen ableiten?Beispiel für Intervention ohne Theoriebezug
Bsp. „Grim Reaper“: Australischer TV-Spot im Rahmen
einer HIV-Präventionskampagne (1987)
http://www.youtube.com/watch?v=U219eUIZ7Qo
Forschungsergebnis: Erlebte Bedrohung hat keinen
hohen Vorhersagewert für Gesundheitsverhalten - 141Kritik Interventionen ohne TheoriebezugProbleme bei der
Beantwortung folgender Fragen:
• Wirken sie?
• Warum (nicht)?
• Wenn ja, wie genau?
• Wenn ja, warum auf wen wie stark?
• Etc - 142Theoriebasierte InterventionBeispiel1
: Förderung der Selbstuntersuchung der Brust zur
Früherkennung von Brustkrebs
Theoretische Basis: Prozessmodell gesundheitlichen
Handelns (Schwarzer, 1992)
Ziel: Erhöhung der Selbstwirksamkeit durch Handlungserfolg
Methoden: Film vs Ausprobieren am Silikonmodell
Ergebnis: Häufigkeit der Selbstuntersuchung wurde durch
Ausprobieren erhöht - 143Gesundheitspsychologische Interventionen in der Praxis am Beispiel Krankenhaus(Fiktives) Beispiel: „Familie Mayer“
Vater: Peter Mayer, 41 Jahre, Elektriker
Mutter: Sonja Mayer, 42 Jahre, Buchhalterin
Tochter: Hanna, 13 Jahre
Sohn: Moritz, 9 Jahre
Frau Mayer tastet einen Knoten in ihrer Brust. Durch
verschiedene Untersuchungen wird Brustkrebs festgestellt.
Es wird ihr empfohlen, sich mit einer Operation, einer
Chemotherapie und einer Strahlentherapie behandeln zu lassen;
dann hat sie sehr gute Chancen, dauerhaft gesund zu bleiben. - 144Belastung Behandlung mit BrustkrebsKrebserkrankungen sind mit starken psychischen Belastungen
verbunden. Ursachen:
➢ Existenzielle Bedrohung
➢ Angst vor Leid und Isolation
➢ Erkrankung und Behandlungen führen (zumindest vorübergehend) zu Verlusten, körperlichen Beschwerden und Schmerzen, Funktionseinschränkungen und/oder Verminderung der
Lebensqualität
Krebs betrifft immer die ganze Familie!
Krisen, Angst, Trauer bei PatientInnen und Angehörigen sind
häufig und normal.
Behandlungsbedürftige psychische Störungen treten bei 30-50%
der PatientInnen irgendwann im Krankheitsverlauf auf. - 145Protektive Faktoren (Bsp. Fam Mayer)Bei Familie Mayer wirken mehrere protektive Faktoren:
• Gesicherte finanzielle Situation
• Abgesehen von der Erkrankung keine weiteren Belastungsfaktoren
• Gutes soziales Netz, viel Unterstützung auf verschiedenen
Ebenen
• Guter Zusammenhalt innerhalb der Familie - 146Was kann die Gesundheitspsychologie Familie Mayer anbieten?Mutter Sonja: vor und während der onkologischen Behandlung.
1. PatientInnenschulung (Primärprävention)
2. Entspannung (Gesundheitsförderung, Primärprävention)
Mutter Sonja: nach Abschluss der onkologischen Behandung.
3. Rehabilitation
Vater Peter: Abbau von Risikoverhalten (Primärprävention)
4. Raucherentwöhnung
Information
- Description
- Karteikarten auf Gesundheitspsych, erstellt von Lolo Medina auf 04.01.2019.
- Created by
- Lolo Medina
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